Die Region, die niemals schläft – Nordnorwegen (Seite 1 von 2) von Udo Frunzek | Johannes Kühner
Tourist Info
Fremdenverkehrsamt Norwegen
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Tel. 040-2294150
www.visitnorway.de

Hoch oben im äußersten Norden Europas macht die Sonne die Nacht zum niemals endenden Tag. Um Mitternacht wandert das Gestirn in der norwegischen Provinz Finnmark am Horizont entlang und unterschreitet ihn nie, 24 Stunden lang. Der Himmel erstrahlt grenzenlos blau, nur besprenkelt mit einigen pastellfarbenen leichten Wölkchen. Ein sanfter, gleichmäßiger Wind weht über die außergewöhnlich stille Landschaft in dieser nördlichsten, größten und am wenigsten bevölkerten Provinz des Landes. So fühlt es sich an unter der Mitternachtssonne.
Wir haben schon 3.200 Kilometer hinter uns, als wir diesen Ort erreichen. Mit mehreren Übernachtungen sind wir von Deutschland aus auf die Varanger-Halbinsel gefahren, wo unsere Reise beginnt. Das hört sich gewaltig an, aber aufgrund der Helligkeit über 24 Stunden und den vielen Eindrücken ist die Strecke nicht zu lang erschienen. Es fährt sich entspannter als auf deutschen Autobahnen.
Notlandung eines Luftschiffs
Als wir morgens am Startpunkt unserer Reise auf der Varanger-Halbinsel erwachen, ist es jedoch zunächst bedeckt und kalt – ein Klima, an das wir uns oberhalb des nördlichen Polarkreises gewöhnen müssen. Selbst jetzt, im Sommer. Von der Varanger-Halbinsel wollen wir weiter ins verlassene Fischerdorf Hamningberg und machen unterwegs einen kurzen Stopp in Vadsø. Von hier aus sollte das Luftschiff Italia in den 1920er-Jahren zu einer großen Arktisexpedition starten. Leider endete die Fahrt schon kurze Zeit später: In einem Schneesturm musste die Italia in Spitzbergen notlanden. Bei der dramatischen Rettungsaktion verlor der berühmte Polarforscher Roald Amundsen sein Leben.
Durch eine karge Landschaft, nur Berge, Felsen und etwas Moos, nähern wir uns dem Ende von Europa. Neben der schmalen Straße ragen schroffe Felsen wie Nadeln in den Himmel.
Dann erreichen wir Hamningberg. Aber außer ein paar Häusern gibt es nur einen wunderbaren Blick über die Barentssee. Die Gegend wirkt sehr verlassen. Die meisten Einwohner sind nach Vardø übergesiedelt. Der Hafen existiert nicht mehr, die meisten Häuser sind verfallen. Nur wer noch eines der Häuser bewohnt, renoviert es nach und nach.
Wir fahren zurück und übernachten in Tana Bru, einem unspektakulären kleinen Dorf im Osten der Finnmark. In dieser Provinz wohnen ur-norwegische Völker wie Lappen und Samen sowie Kvener – finnische Einwanderer. Lediglich diese Ureinwohner in ihrer originellen Kleidung und Rentierherden, die hier ihre aus Moos und Flechten bestehende Nahrung finden, beleben gelegentlich das Bild.

Alternative zum Nordkap
Bei eisigen Temperaturen und ebenso eisigem Wind fahren wir heute in Richtung Womo-Nordkap, das wie das eigentliche Nordkap ganz im Norden auf einem Ausläufer des Festlands liegt. Wieder wirkt die Landschaft völlig leblos – Steine, nichts als Steine. Trotzdem verströmt die Gegend einen Reiz.
Passend zur Umgebung hört auch der Teerbelag auf der Straße auf. Mehr als acht Kilometer lang fahren wir in Schrittgeschwindigkeit auf einem holprigen Weg. Aber das Womo-Nordkap entschädigt uns für alle Mühe. Bei 9 Grad und strahlendem Sonnenschein haben wir einen tollen Blick über das Eismeer – selbst die Krümmung des Horizonts ist zu erkennen.
Wie sich der Ort wohl vom tatsächlichen Nordkap unterscheidet? Wir wollen es wissen und fahren durch unzählige Tunnel und neblige Anhöhen, überall auf der Strecke sind Rentiere und Schafe unterwegs. In dichtem Nebel erreichen wir das Ziel unserer Träume!
Dabei können wir momentan kaum die Hand vor Augen sehen. Es stürmt und regnet in drei Grad kalter Luft. Im Info-Center schauen wir einen Film über die Gegend an, kaufen Andenken und Postkarten im Shop. Zwischenzeitlich hellt es sich etwas auf, aber innerhalb von Minuten kehren Nebel und starker Regen zurück.
Im Wohnmobil warten wir auf besseres Wetter. Gegen Abend klart es sich plötzlich wieder auf, zeitweilig kommt sogar die Sonne durch, und wir genießen einen wunderbaren Blick übers Meer. Doch der Moment währt nicht lange: Schon wieder zieht Nebel herbei, der die Sicht auf weniger als zehn Meter beschränkt. Die schnellen Veränderungen des Wetters zu beobachten, ist ein tolles Erlebnis.

Nächster Halt: Nordpol
Die Nacht wird wieder klarer – aber was heißt schon Nacht, wenn die Sonne durchgehend scheint und nicht untergeht? Das Leben pulsiert rund um die Uhr: Busse, Wohnmobile, Autos und sogar Fahrradfahrer kommen pausenlos hier an. Aber in jenen Stunden, in denen Europäer normalerweise schlafen, ist das Nordkap-Plateau mit etwas Glück trotzdem einmal menschenleer. 300 Meter geht es von hier senkrecht hinunter bis zum Meer, der Nordpol ist lediglich 2.000 Kilometer entfernt. Ein besonderer Ort am Ende Europas, markiert mit einer großen Weltkugel – dem Wahrzeichen des Nordkaps. Als wir am nächsten Morgen abreisen, können wir bestätigen: Einmal im Leben muss man an diesem Ort gewesen sein.

Wo Pottwale speisen
Aber wir haben noch ein anderes Ziel: die Lofoten. Bis wir dort ankommen, machen wir noch Zwischenstopps in den Gemeinden Alta und Tromsø (siehe Tipp) und an den Wasserfällen Malselvfoss und Storfoss – ersterer zählt wohl zu den imposantesten in Norwegen. Außerdem wollen wir auf den Vesteralen eine Walsafari zu den Fressplätzen der Pottwale mitmachen, aber das Wetter ist derart schlecht, dass wir schweren Herzens darauf verzichten.
Ehe wir die Lofoten erreichen, besuchen wir Nyksund. Auf dem Weg dorthin fahren wir immer wieder an Gestellen mit getrockneten Dorschköpfen vorbei. Diese werden in 30-Kilo-Säcke verpackt und nach Nigeria verschickt – als Zutat für eine kräftige, scharfe Suppe.
Nur wenige der Fischerdörfer an der Küste sind so reich an Mythen wie Nyksund: Um die Jahrhundertwende war es einer der größten Orte auf den Vesterål-Inseln. Der Verfall begann in den 1970er-Jahren: Der Hafen im nahegelegenen Myre wurde vergrößert und bot nun auch Platz für große Schiffe. Die Fischer bekamen Prämien für die Umsiedlung nach Myre, und Nyksund wurde zur Geisterstadt. In den 80er-Jahren gab es mehrere Versuche, den Verfall aufzuhalten und die besonders interessanten Orte zu restaurieren, doch zunächst ohne Erfolg. Zwischenzeitlich haben sich jedoch wieder Menschen niedergelassen. In einem Café kommen der Koch und die Bedienung sogar aus Deutschland.

Auch die Lofoten haben ein Venedig
Und dann erreichen wir in Nordland die berühmte Inselkette der Lofoten, die aus der Ferne wie eine steil aus dem Meer ragende Mauer aussieht. Der Eindruck ist so überwältigend, dass sich dem Betrachter das Gefühl aufdrängt, es handle sich um eine Kulisse, bei der alles zu dramatisch, zu fantastisch ausgefallen ist, als dass man glauben könnte, sie sei echt.
Niemand wird sich der Schönheit des Schauspiels entziehen können, das sich entfaltet, wenn dieser mächtige Felswall in das bunte, glänzende und grelle Licht der Mitternachtssonne getaucht wird. Die Lofoten bestehen aus 80 bewohnten Inseln. Sie erstrecken sich nördlich von Bodø und westlich von Narvik über eine Länge von 190 Kilometern. Das Lofotengebirge soll das älteste in Europa sein und gehört zu den ältesten der Welt. Seine heutige Form bekam es in der letzten Eiszeit vor ungefähr 10.000 Jahren. Die Lofoten sind die Heimat der Kabeljaufischer und die Kulisse für den großen Lofotenfischfang, der von Mitte Februar bis Anfang April den Alltag auf der Inselkette bestimmt. 25.500 Menschen wohnen hier.
Wir setzen von Melbu mit der Fähre auf die Lofoten über. Erste Station: Svolvær. Eine traumhafte Landschaft, gewaltige Bergkulissen, Felsen und das Meer begleiten uns auf der Fahrt.
In Henningsvær bummeln wir durch die Straßen und den Hafen. Der Fischerort liegt auf einer Insel, die über zwei Brücken zu erreichen ist. Im Volksmund trägt der Ort auch den Namen „Venedig der Lofoten“.

Fischerdorf auf UNESCO-Liste
Bei klarer Sicht und elf Grad geht unsere Rundreise auf den Lofoten am nächsten Tag weiter. Durch Tunnel und über Brücken hopsen wir von Insel zu Insel. Zum Frühstücken fahren wir in den Nusfjord. Das sehr malerisch zwischen Felsen gelegene Fischerdorf mit seinen traditionellen Fischerunterkünften, den Rorbuern, steht auf der UNESCO-Liste der erhaltenswerten Kulturdenkmäler. In der Vergangenheit wohnten in den Rorbuern die Fischer, trockneten hier ihre Kleidung, kochten und schliefen auf engstem Raum.
Wir fahren weiter über Ramberg (super Sandstrand) bis zum Fischerdörfchen Sund. Dort finden wir ein kleines, interessantes Museum, das sich mit der Motorisierung und Instandhaltung von Fischkuttern befasst. Man kann alte Schiffdiesel in Betrieb sehen und hören. Es gibt auch ein kleines Bootshaus mit Nordlandbooten und diversem Zubehör.
Bei diesem Rundgang haben wir zur Erinnerung beim Kunstschmied einen Königskormoran aus Stahl gekauft. Einen ähnlichen besitzt auch König Olav V.: Er eröffnete 1963 die Lofotenstraße und bekam den ersten „großen Kormoran“ – von jenem Schmied aus Sund, bei dem auch wir unsere Skulptur gekauft haben. Die Figur war an einem Stein befestigt; seither trägt dieser Vogel den Namen Königskormoran.
Der Ort Reine verkörpert das typische Bild der Lofoten: ein Fischerort mit bunten Häusern vor der beeindruckenden Kulisse des Meeres und der Berge. Hier liegen direkt am Hafen die Reine-Rorbuer – sehr gemütlich eingerichtete Fischerhäuser. Ein Besuch lohnt auch in einem der urigen Fischrestaurants.
Wir ziehen weiter zum südlichen Ende der Lofoten, nach Å. Hier endet die Europastraße 10. Doch wir sind enttäuscht. Überall Touristen – wir aber fanden andere Orte wie Reine viel schöner. Sehenswert sind zumindest die älteste Trankocherei Norwegens und das Stockfisch-Museum. Dort erfahren Besucher alles über die Herstellung und den Verkauf von Trockenfisch, Norwegens ältestem Exportartikel.
Auf der Rückfahrt halten wir kurz in Sakrisøy, kaufen in einem kleinen Fischladen eine große Portion Lachs und fahren weiter nach Borg, um uns das Wikingermuseum (siehe Tipp) anzusehen.

Ein letztes Mal Mitternachtssonne
Wir entschließen uns, das Wetter noch auszunutzen und zur Fähre nach Svolvær zu düsen. Gegen 23.30 Uhr kommen wir an und fahren zwei Stunden nach Skutvik auf dem Festland. Von Bord aus können wir noch einmal das herrliche Panorama der Lofoten in der Mitternachtssonne erleben. Die Inselgruppe mit ihrem Wechsel aus Felsen und Wasser ist einfach fantastisch.
Nach einer kurzen Nacht lassen wir es geruhsam angehen. Durch eine wunderschöne Fjordlandschaft schaukeln wir langsam in Richtung Süden vor uns hin; machen mal hier und mal dort Halt. Von Fauske bis Lønsdal fahren wir auf einer Strecke von 60 Kilometern durch 22 Tunnel. Wenn wir die Röhren wieder verlassen, sehen wir atemberaubende Landschaft um uns herum.

Nachts am Polarkreis
Dann geht’s gegen Abend hinauf in das Fjell – eine Hochfläche oberhalb der Nadelwaldgrenze. Wir lassen die letzten Bäume hinter uns und übernachten auf einem Platz in der Nähe des Polarkreises – dem Breitenkreis, an dem die Sonne zur Sonnenwende gerade nicht mehr auf- und untergeht.
Als nächstes besuchen wir den Svartisen-Gletscher. Er misst 370 Quadratkilometer und ist damit der zweitgrößte in Norwegen. Doch bevor wir ihn sehen, müssen wir klettern: Obwohl wir mit dem Boot über den Svartisvatnet zu einer Anlegestelle unterhalb eines Felshanges übersetzen, liegen noch fünf Kilometer zu Fuß vor uns.
Als wir wenig später in Mellingvatn das Nordtor durchfahren, ist unsere Reise durch Nordnorwegen zu Ende: Wir befinden uns ab jetzt wieder in Südnorwegen – einem Landstrich, den wir im ersten Teil unserer Norwegen-Tour erlebt haben. Doch wir genießen die letzten Tage in diesem wundervollen Land, besuchen bei Fiskumfoss ein Lachsmuseum, fahren zu den Formofoss-Wasserfällen und übernachten an der Klosterruine Munkeby aus der Mitte des 11. Jahrhunderts einsam und allein. Munkeby soll Mitte des 11. Jahrhunderts das nördlichste römisch-katholische Kloster der Welt gewesen sein. Und so erleben wir hier in der Abgeschiedenheit den letzten Superlativ unserer traumhaften Reise durch Nordnorwegen.

Fazit
Dieser Nordnorwegen-Trip war kein Urlaub im üblichen Sinne, sondern schon ein kleines Abenteuer. Obwohl es sehr kalt war und viel geregnet hat, übertraf diese Rundreise bei Weitem unsere Erwartungen. Es ist ein herrliches Land mit unglaublichen Naturwundern: dem Ende Europas, dem Nordkap und den Lofoten. Rentiere und Schafe haben uns während der gesamten Zeit begleitet, und ganz im Norden schien 24 Stunden lang die Sonne. Allerdings sind die Tunnel und Straßenverhältnisse eine Herausforderung – und Lastwagenfahrern, die von hinten angebraust kommen, sollte man besser Platz machen.

Seite 2 – Guide Nordnorwegen mit Infos zu Verkehrsbestimmungen, Camping- und Stellplätzen und vielem mehr …

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