Der große Report: Heckträgersysteme für Kastenwagen von Egbert Schwartz

Lastenrucksack für den Kastenwagen
Wir müssen leider draußen bleiben.“ Denken Sie dabei ausnahmsweise mal nicht an Ihren vierbeinigen Freund vor dem Metzgerladen, sondern an Ihr Bike vor den geöffneten Hecktüren eines ausgebauten Kastenwagens, vulgo: Campingbusses. Von wenigen Ausnahmen mit langem Radstand, hochklappbarem Bettenkonstrukt oder variabler Einrichtung mal abgesehen, verwehrt dessen Grundriss dem Zweirad jeglicher Bauart in der Regel den speditiven Zutritt. Sei es nun ein Fahrrad, Pedelec oder E-Bike, ein Motorroller oder gar – ohnehin klar – ein ausgewachsenes Motorrad.
Doch die Rettung naht nicht nur, sie ist schon lange da: Eine mittlerweile große Schar von Zubehörspezialisten bietet dafür so genannte Heck-/Lastenträger in vielfältiger Form und Belastbarkeit an. Und nicht nur für die Bikes: Etliche der stabilen Konstruktionen sind auch für die Aufnahme von Transportboxen und Spezialhalterungen für das Freizeitequipment der Camper ausgelegt.

Info
Berechnung der Hinterachsbelastung durch einen Heckträger mit Beladung
Die Hinterachsbelastung, die ein Heckträger mit Beladung verursacht, lässt sich mittels der relativ einfachen Formel H = g x A: R berechnen. Dabei steht H für die besagte Hinterachsbelastung, g für das Gewicht des Transportgutes, A für den Abstand des Trägers zur Vorderachse (in cm) und R für den Radstand des Fahrzeuges (ebenfalls in cm). Nehmen wir beispielsweise ein Gewicht von 150 kg für Motorroller und Träger an, multiplizieren dies mit 470 cm Abstand zur Vorderachse – gemessen von der Mitte des Heckträgers (Aufstandspunkte Motorroller) zur Radnabe – und teilen das Ergebnis (70.500) durch den Radstand von 320 cm, kommen wir auf knapp über 220 kg, die als Hebelarm der Hecklast auf die Hinterachse wirken. Was rund 80 kg über dem tatsächlichen Gewicht des Paketes Motorroller/Heckträger liegt und die Fahrsicherheit gefährden kann.

Schwerwiegende Entscheidung
Vor der Entscheidung für einen bestimmten Heck-/Lastenträger müssen Sie sich zunächst einmal im Klaren darüber sein, was Sie dort aufpacken möchten. Also konkret: ein bis zwei leichte Straßenfahrräder, Mountainbikes, Kinder-Radl? Schwerere Elektro-Bikes? Einen Motorroller, eine Cross-Maschine, eine Enduro, einen Street-Racer? Eine Transportkiste fürs Schlauchboot? Eine im wahrsten Sinne des Wortes schwerwiegende Entscheidung, für die zunächst einmal die Differenz zwischen der „Masse des im Betrieb befindlichen Fahrzeugs“ (ist in Spalte g der Fahrzeugbescheinigung, Teil 1, vermerkt) und dem „zulässigen Gesamtgewicht“ (Spalte F.1) – sprich: die theoretisch mögliche Zuladung – errechnet werden muss. Dass dieser theoretische Wert nie der Praxis entspricht, füllt ein anderes Servicekapitel. Am besten, Sie fahren mit Ihrem vollgetankten und komplett ausgestatteten Kastencamper erst einmal auf die Waage. Wird es mit der errechneten Zuladung knapp, könnten Sie es mit einer Auflastung des Kastenwagens versuchen.
Ein wichtiges Kriterium ist zudem der Hebelarm, der aufgrund eines weit nach hinten herausragenden Trägers sowie dessen Gewicht inklusive des darauf befestigten Transportgutes, also beispielsweise einem Motorroller, wirkt: Wird damit doch der Schwerpunkt des gesamten Fahrzeugs nach hinten verlagert, was die Vorderachse unter Umständen gefährlich entlasten kann. „Gefährlich“ deshalb, weil es sich auf Lenkpräzision und bei Vorderradantrieb auf die Traktion, insgesamt also auf die Fahrsicherheit auswirkt. Abhilfe kann eine Luftfederung schaffen, die das Heck bei Beladung anhebt und der negativen Schwerpunktverlagerung entgegenwirkt.

Vielfalt der Trägersysteme
Das Gewicht dessen, was auf dem Heckträger spediert werden soll, ist ein kaufentscheidendes Kriterium für die Art der Trägeraufnahme. Empfehlenswert sind eigentlich nur drei Arten: 1. Verschraubung an den Scharnieren der Hecktüren, 2. Aufnahme auf Anhängerkupplung, 3. Auf stabilen Rahmenverlängerungen. Erstere eignen sich mit einer Traglast von rund 80 Kilogramm ausschließlich für Fahrräder oder E-Bikes. Jene, die auf der Anhängerkupplung montiert werden, sind im Schnitt auf nicht mehr als 150 Kilo ausgelegt, können damit aber auch schon mal einen Motorroller aufnehmen. Die höchste Traglast – bis zu 200 kg – garantieren Träger, die auf einer an das Fahrzeugchassis angepassten Rahmenverlängerung ruhen. Auf deren Plattformen lässt sich dann ein entsprechend leichtes Mittelklasse-Motorrad befördern, wobei man allerdings die erläuterte Hinterachsbelastung berechnen und darauf achten sollte, dass die zulässige Achslast nicht überschritten wird. Generell gilt, bei der Beladung der Heckträger wichtige Kriterien der Straßenverkehrsordnung zu beachten: So darf der „Abstand vom äußeren Punkt des Transportgutes bis zur Mitte des Rücklichtes nicht mehr als 40 cm betragen“. In der Breite darf das Fahrzeug mit Ladung die 2,50-Meter-Grenze nicht überschreiten. Und Teile, die sich unter Umständen leicht vom Transportgut lösen können – beispielsweise eine Luftpumpe bei Fahrrädern – muss man abnehmen und im Auto verstauen.

Auf Variabilität achten
Alle vorgestellten Trägersysteme sind so konstruiert, dass sich die Heckflügeltüren der Kastencamper öffnen lassen. Dazu lassen sich die Träger je nach Systemaus­legung zur Seite oder nach hinten schwenken bzw. abkippen oder absenken. Wer ausschließlich Fahrräder transportieren möchte, kann sich je nach Hersteller mit einem kompletten Fahrradträger begnügen. Variabler sind Systeme mit einem Basisträger bzw. einer Lastenplattform, auf die je nach Bedarf individuelle Halterungen für Fahrräder, E-Bikes, Motorroller, Motorräder oder auch Transportboxen montiert werden können. Ein Großteil der gelisteten Firmen bietet solche ausbaufähigen Konzepte an, für die man aufgrund der maximal möglichen Belastung am besten auf die Aufnahmeart via Rahmenverlängerung vertrauen sollte. Ob das Chassis des eigenen Fahrzeugs dafür ausgelegt ist, sollte in der Regel jeder Hersteller eines Trägersystems wissen – schließlich muss er für sein Produkt ein entsprechendes EG-­Typengutachten vorweisen. Das bekommt der Kunde beim Kauf mit auf den Heimweg, ein Eintrag des Trägersystems in die Fahrzeugpapiere ist damit nicht nötig.
Wer lange Freude an seinem Heckträgersystem haben möchte, sollte auf eine gute Materialqualität achten: Das Gros der Träger ist aus Aluminium gefertigt. Wo Stahlteile verwendet werden, beispielsweise für die Aufnahme mit Rahmenverlängerung, sollten diese gegen Korrosion geschützt sein (z. B. durch ­Feuerverzinkung). Und nicht nur als handwerklich wenig versierter Käufer sollte man darauf achten, dass sich das anvisierte Trägersystem mit wenig Werkzeug und Aufwand montieren und wieder abnehmen lässt. Lobenswert, wenn im Paketpreis eines Systems gleich passende Zurrösen, Sicherungsgurte und Fixierungen (beispielsweise für Fahrräder) enthalten sind.

Besonderheiten einiger Hersteller
Alfred Weihs Modell EuroCarry Slide 170 zeichnet sich durch eine pfiffige Lösung zur Öffnung der Hecktüren aus: Dank eines Schiebemechanismus kann das obere Halterungselement auf dem Träger nach links verschoben werden, um zumindest die rechte Flügeltüre freizugeben. Beim kleineren und leichteren Fahrradträger Slide Move DS funktioniert dieser Schiebemechanismus sogar zu beiden Seiten hin. Als Kapazitätserweiterung bietet Alfred Weih zwei unterschiedlich große Gepäckboxen aus pulverbeschichtetem Aluminium an, die auf den Grundträger passen und ebenfalls zur Seite geschoben werden können. Auf deren Oberseite passt zumindest ein Fahrrad.
Alu Line bietet die neben dem bei Alfred Weih produzierten EuroCarry Slide-Träger mit Schiebeschiene noch eine umfangreiche, individuell auf verschiedene Kastenwagen-Modelle abgestimmte Heckträger-Palette an. Darunter auch Varianten, die in die rechte Seitentüre bzw. beim VW T5 oben an die Heckklappe eingeklinkt und mit Spannriemen fixiert werden. Es ist die im Vergleich einfachste und preiswerteste Möglichkeit des Transports. Sie ist allerdings nur für Fahrräder geeignet.
Fiamma, vielseitiger Hersteller aus Italien, hat nicht nur Heckträger für aktuelle Kastencamper im Programm, sondern auch noch Modelle für Klassiker wie den Peugeot J5, Citroën C25, Mercedes MB 100 oder gar VW T2 und T3 im Portfolio.
Heck-Pack bietet absenkbare, feuerverzinkte AHK-Basisträger für verschiedene Halterungen und Transportlösungen an. Darunter auch vergitterte Körbe, Aluboxen, Kunststoffschalen/Schweißwannen sowie diverse Fahrradschienen.
Liberco baut seinen Basisträger Socorro als Lastenplattform, die aufgrund der Montage via Rahmenverlängerung bis zu 150 kg verkraftet und damit auch für Motor­roller und kleine Motorräder geeignet ist. Für die unterschiedlichen Transportlösungen gibt es dann spezifische Halterungen oder Bügel.
Auch bei Linnepe setzt man auf eine variable Lösung mit hoher Nutzlast in Gestalt von Plattformträgern mit Transportschienen, die sich zum Öffnen der Hecktüren einfach zur Seite schieben lassen. Mit Zusatzadaptern lassen sich beim Modell Bokster neben einem Motor­roller bzw. Motorrad noch zwei Fahrräder verzurren.
Sawiko, ein Tochterunternehmen der Alko Company, bietet unter anderem den Fero als idealen multitalentierten Träger für Kastenwagen an. Er wird via einer Rahmenverlängerung montiert und zeichnet sich durch einen einfachen Klappmechanismus aus: Dabei müssen lediglich zwei Sterngriffschrauben gelöst werden, um die beladene Halterung nach hinten wegzuklappen. Interessant für E-Bike- und Anhängerbesitzer ist der Heckträger Futuro: Er wird an den Scharnieren der Flügeltüren befestigt, lässt sich dann mitsamt einem Tür­element elegant zur Seite schwenken und baut so hoch, dass er beim Anhänger-Handling nicht stört. Mit 80 Kilo Traglast hält er zwei schwere E-Bikes aus. Der Agito 150, für den es auch eine Motorradhalterung gibt, wird zum Öffnen der Hecktüren auf einem Stützrad nach rechts ausgeschwenkt. Er muss aufgrund seiner Konstruktion als eines der wenigen Trägersysteme in die Fahrzeugpapiere eingetragen werden.
Westfalia Automotive bietet für seinen Fahrradträger BC 60 alternativ eine Transportbox sowie eine universelle Plattform an. Die Box bietet 200 Liter Stauraum.

Hersteller (Auswahl)
Alfred Weih
In der Lehmgrube 3
D-88326 Aulendorf
Tel. 07525-2400
www.alfred-weih.de


Alu Line
Daimlerstraße 1k
D-63303 Dreieich
Tel. 06103-94810
www.alan-electronics.de


Eckla GmbH
Brunnenstraße 34
D-74626 Bretzfeld-Schwabach
Tel. 07946-91550
www.eckla.de


Fiamma Service Deutschland
Römerstraße 1
D-85570 Ottenhofen
Tel. 09726-907210
www.fiammaservice.de


Heck-Pack GmbH & Co. kg
Krauthof 6
D-53783 Eitorf
Tel. 02243-3551
www.heck-pack.de


Sawiko Fahrzeugzubehör GmbH
Ringstraße 3
D-49434 Neuenkirchen-Vörden
Tel. 05493-99220
www.sawiko.de


Liberco Systems GmbH
Im Westenbusch 46
D-49152 Bad Essen
Tel. 05472-9549980
www.liberco.de


A. Linnepe GmbH
Brinkerfeld 11
D-58256 Ennepetal
Tel. 02333-98590
www.linnepe.eu


Thule GmbH
Dreichlingerstraße 10
D-92318 Neumarkt
Tel. 09181-9010
www.thulegroup.com


Uebler GmbH
Sandäcker 7
D-91301 Forchheim
Tel. 09191-73620
www.uebler.com


Westfalia Automotive GmbH
Am Sandweg 45
D-33378 Rheda-Wiedenbrück
Tel. 05242-9070
www.westfalia-automotive.de

VN:F [1.9.20_1166]
Artikelbewertung
Bewertung: 0.0/5 (0 Stimmen)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *



8 + = 12

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>