Städte-Tour – Edinburgh von Johannes Kühner
Touristinfo
3 Princess Street · Edinburgh, EH2 2QP
Tel. +44 (0)845-2255121
www.edinburgh.org

Edinburgh ist wie „Dr. Jeckyll und Mr. Hyde“: Wie die gespaltene Persönlichkeit im Roman von Robert Louis Stevenson hat auch die Geburtsstadt des schottischen Schriftstellers zwei Gesichter. Gruseliges wie in Stevensons Roman können Besucher der Hauptstadt nachts erleben, vor allem auf der Royal Mile. Unentwegt begegnen einem dort Touristenführer in geisterhafter Verkleidung und tauchen ein in die Unterwelt (im wahrsten Sinne: Es geht in die Katakomben der Stadt). Doch das Viertel um die Royal Mile – eine 1,8 Kilometer lange Strecke, die sich in der Altstadt vom Schloss bis zum Palace of Holyroodhouse erstreckt – ist nur das eine Gesicht: das mittelalterliche Antlitz von Edinburgh.
Ganz anders sieht es im Nachbarstadtteil aus – der New Town beziehungsweise Neustadt. Ihre Gebäude sind nicht mittelalterlich, sondern neu-gotisch. Und dort spielt sich – ein wenig anders als in der touristisch geprägten Old Town – das eher bürgerliche Leben ab: Hier wohnen die „echten“ Edinburgher, hier gehen sie in ihre Pubs. Wer ein authentisches Edinburgh erleben möchte, der kommt hierher für sein Bier oder einen Whisky und Folk-Musik einer Live-Band.
Es sind diese Kontraste von Alt- und Neustadt, welche die UNESCO dazu bewogen haben, Old Town und New Town als Kulturerbe zu schützen. Das Ensemble ist deshalb so gut erhalten, weil während des Zweiten Weltkriegs keine Bomben in dieses Gebiet gefallen sind. Deshalb ist der Charakter der Stadt noch bewahrt wie vor Jahrhunderten und verstrahlt eine ganz besondere Mystik.
Dies liegt noch dazu an der Lage Edinburghs in einer vulkanisch geprägten Gegend. „Stadt der sieben Hügel“ lautet ein Spitzname, und einer dieser Hügel – Arthur‘s Seat – erhebt sich markant wie eine Plattform über der Stadt. Ein idealer Aussichtspunkt. Auf einem anderen Hügel thront – im wahrsten Sinne des Wortes – das Edinburgh Castle.

Größtes Festival Schottlands
Dieses mehr als 800 Jahre alte Schloss ist jedes Jahr im August der Austragungsort des Military Tattoo (übersetzt: Zapfenstreich): Militärische Dudelsack- und Volkstanzgruppen aus der ganzen Welt treten einen Monat lang vor den alten Gemäuern auf. Es ist das größte Musikfestival Schottlands. Zur gleichen Zeit steigt das Fringe Festival mit Kleinkunst in der Old und New Town. Der August ist deshalb der ideale Zeitpunkt, um in das kulturelle Leben von Schottlands Hauptstadt einzutauchen – wenngleich es in den Straßen dann besonders voll ist.
Das stört aber nicht besonders – denn zu allen Seiten der Royal Mile tun sich schmale Gassen auf, die mal den Blick auf die Vulkanberge, mal aufs Meer freigeben. Wer zwischen den hohen Häusern in diese Wege eintaucht, kann sich für ein paar Augenblicke wie im Mittelalter fühlen. Und genauso schnell kehrt das neuzeitliche Leben zurück, wenn man sich im Princess Street Garden zu den Einheimischen gesellt – am besten nach 13 Uhr. Denn pünktlich um diese Zeit ertönt jeden Werktag vom Schloss der Schuss der One o’Clock Gun – ursprünglich als Zeitangabe für Seefahrer. Heute nutzen die rund 485.000 Einwohner Edinburghs den Schuss für einen anderen Zweck. Er läutet ihre Mittagspause ein.
Das klingt nach Tradition – und das, wo die Edinburgher nicht als allzu traditionsbewusst gelten. Dass sie mit diesem Schuss jedoch anders umgehen, das ist dann wieder ein Beispiel für die zwei Gesichter dieser wunderschönen Stadt.


In der Stadt
Weil Edinburghs Sehenswürdigkeiten kompakt beieinanderliegen, lassen sich die meisten Strecken zu Fuß bewältigen, trotz der vielen Hügel. Auch Fahrradfahrer kommen gut voran – zur Hauptverkehrszeit dürfen sie beispielsweise die Busspur nutzen, und an manchen Kreuzungen wird ihnen zusätzlicher Platz eingeräumt. Mit einem Bus-Tagesticket können Passagiere in jede der lokalen Buslinien steigen. Und: Mittlerweile hat Edinburgh auch eine Tram-Linie mit 15 Haltestellen, zum Beispiel Princess Street; Abfahrtszeiten: alle zehn Minuten. Mit dem Edinburgh Pass gibt es Vergünstigungen in Attraktionen und Restaurants sowie beim Busfahren.
www.thisisedinburgh.com


Rundgänge
Wie eine Stadt unter der Stadt wirken die Keller, Gewölbe und Höhlen, auf denen Edinburgh steht. Und tatsächlich: Im Mittelalter wohnte dort unten die arme Bevölkerung. Zwischenzeitlich war diese Welt unzugänglich, ehe die Katakomben für sozialhistorische Touren wieder geöffnet wurden. Besonders empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang die Führung Mary King’s Close (täglich alle 15 Minuten, Dauer: etwa eine Stunde, Startpunkt: 2 Warriston’s Close an der Royal Mile). Geisterhafte und historische Führungen sowohl unter- als auch oberirdisch gibt’s von Mercat Tours (Büro-Adresse: 28 Blair Street).
www.realmarykingsclose.com | www.mercattours.com


Castle und Royal Mile
Es knallt, und zwar jeden Werktag um 13 Uhr, wenn die One o’Clock Gun vom Edinburgh Castle einen Schuss abfeuert. Seit 1861 gibt es diese Tradition, das Schloss selbst ist sogar mehr als 800 Jahre alt, beherbergt die ältesten Kronjuwelen Europas, mehrere Museen und ist nicht nur zur Militärparade Military Tattoo (einmal pro Jahr) Anziehungspunkt der Stadt. Vom Schloss aus erstreckt sich die Royal Mile durch die Altstadt. Es ist die Strecke mit den meisten Sehenswürdigkeiten und einer Architektur aus hohen Häusern und schmalen, steilen Gassen, die einen für einen kompletten Tag gefangen halten kann.
www.edinburghcastle.gov.uk


Sehenswertes
Am östlichen Ende der Royal Mile steht der offizielle Sitz der Queen in Edinburgh: der Palace of Holyroodhouse (Canongate). Einige Räume sind für Besucher geöffnet. Unweit des Palasts tagt das schottische Parlament (Canongate). Besonders auffällig ist die Gebäude-Fassade, die zwar modern daherkommt, sich aber trotzdem gut ins Altstadtbild einreiht. Erst 2004 hat Queen Elizabeth das Parlamentsgebäude eingeweiht. Apropos Queen: Ihre Privatjacht – die Royal Yacht Britannia (Ocean Terminal, Leith) – ist heute ein Museum und gewährt Einblicke in ihr Leben – und ihren Einrichtungsgeschmack.
www.royalcollection.org.uk | www.scottish.parliament.uk | www.royalyachtbritannia.co.uk


Museen
Das National Museum of Scotland (Chambers Street) ist das zweitgrößte Museum Großbritanniens und zeigt in acht Bereichen sowohl Dinosaurier­skelette als auch schottische Erfindungen, Design und Kunst. Über Schottlands Whisky informiert The Scotch Whisky Experience (345 Castlehill). Aus naturwissenschaftlicher Sicht interessant sind das Surgeon’s Hall Museum (Nicholson Street) zur Geschichte der Anatomie (Besucher können selbst Chirurg spielen) sowie der Outlook Tower mit Camera Obscura (Castlehill) mit optischen Illusionen.
www.nms.ac.uk/national-museum-of-scotland | www.scotchwhiskyexperience.co.uk
www.museum.rcsed.ac.uk | www.camera-obscura.co.uk


Kirchen
Nahe des Schlosses steht an der Royal Mile die wichtigste Kirche von Edinburgh: die St. Giles Cathedral (High Street). Das imposante Gebäude besteht aus einem Stilmix verschiedener Epochen und war im 16. Jahrhundert der Ausgangspunkt der Reformationsbemühungen von Pfarrer John Knox. Es gibt Führungen aufs Dach. Die Greyfriars-Kirche (Greyfriars Place, südliche Altstadt) ist vor allem aufgrund ihres historischen Friedhofs einen Besuch wert – und wegen einer Legende: Gegenüber dem Friedhof steht die Statue eines Hundes: Greyfriars Bobby. Vorbild dafür war der Hund eines Polizisten, der nach dem Tod seines Herrchens 14 Jahre lang an dessen Grabstein gewacht hat.
www.stgilescathedral.org.uk | www.greyfriarskirk.com


Spezialitäten
Aus Cullen in Nordschottland hat die Suppe Cullen Skink ihren Weg nach Edinburgh gefunden. Zutaten sind geräucherter Schellfisch, Kartoffeln und Zwiebeln. Die Suppe hat eine milchige Konsistenz und ist nahe dran, zu Haggis als Nationalgericht aufzuschließen. Haggis? Muss man mögen – Haggis ist Schafsmagen, der mit Herz, Leber und Lunge vom Schaf sowie Zwiebeln und Hafermehl gefüllt ist. Wer den Mut aufbringt, dieses Gericht zu essen, kann hinterher ja mit schottischem Whisky nachspülen – zu kaufen in vielen kleinen Spirituosenläden. Allerdings lohnt sich das nicht immer: In Deutschland gibt’s original schottischen Whisky oft günstiger als in dessen Herkunftsland.


Restaurants
Das Essen im Traditionslokal Dubh Prais (123b High Street/Royal Mile) schmeckt so gut, dass dort ohne Reservierung oder rechtzeitiges Anstehen kein Platz zu bekommen ist. Auf der Speisekarte: schottische Wild- und Fischgerichte sowie Vegetarisches. Die besten Fish & Chips, so lobte einmal das schottische Fremdenverkehrsamt, serviert L’Alba D’Oro (5-7 Henderson Row/New Town). Auch zu empfehlen: Ofenkartoffeln aus The Baked Potato Shop (56 Cockburn Street) – kein Restaurant im klassischen Sinne, stattdessen eher „Essen auf die Hand“. Gut zu wissen: Mahlzeiten gibt’s auch in fast jedem Pub.
www.dubhpraisrestaurant.com | www.lalbadoro.com


Cafés
Ganz schön süß sind nicht nur die Apfelkuchen und Scones in Clarinda’s Tearoom (69 Canongate). Ganz schön süß ist vor allem auch die schnuckelige Einrichtung mit Spitzdeckchen und anderen Details. Bei Brewlab Coffee (6-8 South College Street, südliche Altstadt) regt das Personal die Geschmacksknospen mit immer neuen Braumethoden an. Wer länger als 48 Stunden in Edinburgh bleibt oder auch sonst nicht auf gutes deutsches Brot verzichten möchte, der sollte in der Konditorei Falko (7 Bruntsfield Place) vorbeischauen. Leckeren Kuchen gibt’s dort obendrein.
www.clarindastearoom.co.uk | www.brewlabcoffee.co.uk | www.falko.co.uk


Pubs
Links ein Pub, rechts ein Pub: Edinburgh ist voll davon. Vor allem am Grassmarket unterhalb des Schlosses wird es abends richtig eng. Whisky-Liebhabern seien zwei Pubs in der Stadt zu empfehlen: Da wäre zum einen Leslie’s Bar (45-47 Ratcliffe Terrace) mit rund 100 Single Malt Whiskys und einem überwiegend älteren Stammpublikum sowie die Bow Bar (80 West Bow, Victoria Street, südliche Altstadt) mit 140 Whiskysorten. Seltene Biersorten gibt’s dort ebenfalls. Und wie wär’s mit traditioneller Musik zum Bier? Tipps dazu in der Rubrik „Traditionelle Musik“.
www.realalepubedinburgh.co.uk


Traditionelle Musik
Wer die Augen und vor allem die Ohren offenhält, dem werden sie kaum entgehen: die Straßenmusiker mit Dudelsack in den Straßen Edinburghs. Noch authentischer lässt sich die Musik bei einem Bier im Pub erleben. Also einfach beim abendlichen Spaziergang hinhören – von irgendwo kommt bestimmt Musik. Zum Beispiel aus der Scotsman’s Lounge (73 Cockburn Street), dem Royal Oak (1 Infirmary Street) mit nur 40 Plätzen oder Sandy Bell’s (25 Forest Road). In all diesen Lokalen treten am Abend fast immer Folk-Musiker auf – ja, auch mit Dudelsack und Fiedel.
www.royal-oak-folk.com | www.sandybellsedinburgh.co.uk


Natur und Erholung
Wer am Holyrood Palace seine Wanderschuhe schnürt, erreicht nach einem 45-minütigen Fußmarsch durch den Holyrood Park die 251 Meter hohe Plattform des Berges Arthur’s Seat. Von dort eröffnet sich – mitten in der Natur – ein sagenhafter Blick auf Edinburgh, das Schloss, das Meer und die Forth Bridge (siehe Rubrik „Umgebung“). Direkt in der Stadt laden die Princess Street Gardens am Fuße des Schlosses zu einem Picknick ein. Und der 1670 gegründete Royal Botanic Garden (20 Inverleith Row) ist der zweitälteste botanische Garten Großbritanniens mit einem tollen Blick vom Terrace Café.
www.rbge.org.uk


Mit Kindern 
Was ist seit dem Urknall auf der Erde passiert? Das Wissenschaftsmuseum Our Dynamic Earth (4 Holyrood Road) zeigt es nicht nur – Kinder können vieles auch selbst miterleben, zum Beispiel ein Erdbeben. Auch ein Vulkanausbruch wird simuliert; ein Bezug zu Edinburgh – der Stadt, die auf Vulkangestein errichtet ist. Was mit unserem Klima geschieht, wenn die Menschheit so weiterlebt wie bisher? Auch diese Zukunftsszenarien stellt Our Dynamic Earth anschaulich dar. Schön an einem Hang gelegen ist der Zoo (Corstorphine Road) mit Koalas, Nashörnern – und einer Pinguinparade am Nachmittag.
www.dynamicearth.co.uk | www.edinburghzoo.org.uk


Buchtipp
Anja Vogel/Katja Wündrich: „Edinburgh“. Insidertipps von den Leiterinnen der Reise­agentur Wind and Cloud Travel.
Goldfinch Verlag, ISBN: 978-3-940258-06-9

Einkaufen 
Was gäbe es Schöneres als einen echten Kilt? Spezielle Boutiquen bieten solche Schottenröcke an, für Touristen gibt’s billige Kopien. Aber warum nicht gut und günstig gleichermaßen? Vor allem um die Princess Street, Victoria Street und Grassmarket reihen sich Second-Hand-Läden aneinander, in denen jeder ein schottisches Original zum Schnäppchenpreis bekommen kann. Was es in diesen Straßen sonst noch gibt: ungewöhnliche Handtaschen, Schmuck, Spirituosen – und exquisiten Käse bei I. J. Mellis (30 Victoria Street). Apropos Käse und andere Spezialitäten: Samstags von 9.00 bis 14.00 Uhr bauen Landwirte am Schloss (Castle Terrace) den größten Bauernmarkt Schottlands auf.
www.mellischeese.net | www.edinburghfarmersmarket.co.uk


Umgebung
Aus Stirling kommt nicht nur Silber. 1,5 Kilometer nordöstlich kann man vom Wallace Monument auf das Schlachtfeld blicken, auf dem Nationalheld William Wallace (bekannt aus dem Film „Braveheart“) gegen die Engländer in den Kampf gezogen ist. Ganz anders St. Andrews: Die Stadt gilt als Heimat des Golfsports. Interessant: In der Universität der Stadt haben sich Prince William und Kate kennengelernt. Wer baden möchte, kann dies, mit dem Bus 20 Minuten von Edinburgh entfernt, am Portobello Beach tun. Zudem lohnt ein Ausflug nach South Queensferry – allein der Fahrt über die Forth Road Bridge wegen: einst längste Hängebrücke Europas. Noch imposanter ist die (fast gleichnamige) Eisenbahnbrücke: Forth Bridge.


Fazit
Edinburgh brodelt seit jeher und heute im positiven Sinne: Die Stadt steht auf erloschenen Vulkanen, heute trägt sie allein schon aufgrund ihrer unzähligen Pubs ein Geselligkeits-Gen in sich. Die Gastfreundschaft der Schotten spüren Reisende an jeder Ecke – sei es in der touristisch geprägten Old Town oder in der New Town, wo die Architektur ebenso anziehend ist wie das Gefühl, durch ein authentisches Edinburgh zu spazieren. Wer dann noch das Glück hat, während der jährlichen Festivals im August hier zu sein, der wird sich dem Zauber, der Magie (J. K. Rowling schrieb hier „Harry Potter“) und der Mystik dieses Ortes kaum entziehen können.

Stell- und Campingplätze
Mortonhall Caravan And Camping Park
38 Mortonhall Gate, Frogston Road East, Edinburgh
GPS: 55°54‘11.6“ N / 3°10‘49.0“ O
www.meadowhead.co.uk
Gut ausgestatteter Campingplatz im Süden der Stadt, mit Busanbindung (Fahrtzeit ins Zentrum: 15 Minuten)


Edinburgh Caravan Club Site
35-37 Marine Drive, Edinburgh
GPS: 55°58‘39.7“ N / 3°15‘53.5“ O
www.caravanclub.co.uk
Gut ausgestatteter Campingplatz mit Parkplatz-Charakter in unmittelbarer Nähe des Meeres

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Artikelbewertung
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