Städte-Tour – Lyon von Johannes Kühner
Touristinfo
Place Bellecour · FR-69214 Lyon Cedex 02
Tel. +33(0)472-776969
Infos: www.lyon-france.com

Die Wände atmen, und ihr Atem hat den Geruch vergangener Zeiten. An den lackierten Holzverkleidungen hängen Gemälde in goldverzierten Bilderrahmen, davor teilen sich schmale Tische mit rot-weiß-karierter Tischdecke den geringen Platz, dicht an dicht sitzen Besucher dieses Restaurants auf schweren knarzenden Holzstühlen. Schon kommt ein Kellner, schenkt den soeben bestellten Wein ein, und gleich wird er das Essen bringen, das seine Frau in der Küche zubereitet hat.
Dies ist kein gewöhnliches Restaurant – dies ist eines der unzähligen Bouchons, in denen sich schon früher die Arbeiter der Seidenmanufakturen stärkten. Sie aßen, was das Bürgertum verschmähte – Innereien, Geflügelpasteten, dazu gab’s Wein. Hausmannskost, gekocht nach Hausfrauenart. Und die Arbeiter bekamen es an einem Ort, der auch ihr eigenes Zuhause hätte sein können: ein wenig improvisiert, alles nicht allzu perfekt. Da landete auch mal ein bisschen zu viel Knoblauch im Essen, oder es fehlten die Kräuter.
So ist das bis heute geblieben: Der Kellner kann auch mal griesgrämig drauf sein oder seltsame Marotten haben – so wie es einst in einem Bouchon gewesen sein soll, dessen Besitzer direkt nach Ladenöffnung ein „Wir sind voll“-Schild an die Tür hängte, um anschließend nur jene Gäste hineinzulassen, die er in seinem „Wohnzimmer“ haben wollte.
Mittelalterliche Gebäude
Ja, wahrlich – wie in alten Zeiten fühlt es sich in diesen Räumen an. Und draußen, vor der Tür, geht es direkt weiter mit der Reise in die Vergangenheit. Denn an kaum einem anderen Ort in Europa stehen so viele gut erhaltene mittelalterliche Gebäude auf einem solch großen Areal wie in der Altstadt von Lyon.
Sie wuchs zu einer Zeit, als Lyon mit der Seidenherstellung zu Reichtum kam und sich zu einer Metropole entwickelte. Doch für ein gut ausgebautes Straßennetz fehlte der Platz zwischen den Flüssen Rhône und Saône. Aus der Not heraus entschieden sich die Konstrukteure der Gotik- und Renaissance-Gebäude deshalb, parallel liegende Straßen mit Durchgängen zu verbinden.
Diese Traboules führen durch Keller, unter verzierten Gewölben hindurch, auf Balkonbrüstungen und in pittoreske Innenhöfe – und hatten früher noch dazu den Vorteil, dass die Seidenweber ihre Stoffe bei schlechtem Wetter im Schutz der Dächer transportieren konnten.
Nicht immer sind die Traboules jedoch leicht zu finden – allein schon deshalb, weil die zugehörigen Häuser nach wie vor bewohnt und einige Durchgänge zum Schutz vor Lärm hinter Toren verborgen sind. Doch das hat nichts zu bedeuten: Viele Durchgänge sind nach wie vor zugänglich, und die Anwohner dulden dies (aus Respekt sollten sich Touristen jedoch leise durch die Traboules bewegen). Wer also in den Gassen der Altstadt flaniert, der greift am besten einfach einmal nach einem Türgriff, drückt ihn hinunter – und lässt sich überraschen, ob sich das Tor öffnet und dahinter eine Welt wie aus einem Historienfilm zu atmen beginnt.


In der Stadt
Bei der Fortbewegung in der Stadt bleiben kaum Wünsche offen: Vier Metro-, fünf Straßenbahn-, 130 Bus- und zwei Seilbahnlinien können allesamt mit einer Tageskarte für 5,20 Euro genutzt werden; außerdem betreibt die Stadt den Fahrradverleih Vélo’V an allen wichtigen Sehenswürdigkeiten (Nutzung mit Bankkarte, die erste halbe Stunde ist kostenlos). Den Nahverkehr nutzen, ohne ein Ticket zu lösen? Das können all jene tun, die sich eine Lyon City Card besorgen (Preis: 32,00 Euro für zwei Tage). Sie gewährt zudem kostenlosen Eintritt zu 21 Museen, eine Bootstour über die Saône, Städtetouren sowie Rabatte in einigen Restaurants und Geschäften.
www.tcl.frwww.velov.grandlyon.comwww.lyoncitycard.com


Rundgänge
Die Traboules (Durchgänge) sind typisch für die Altstadt von Lyon (siehe Rubrik „Traboules“). Da sie jedoch nicht immer so einfach zu finden sind, bietet sich entweder eine App fürs Mobiltelefon an (siehe „Apps“) – oder eine geführte Tour: „Die Altstadt & die Traboules“ (samstags 14.30 Uhr von März bis Oktober, sonntags um 14.30 Uhr während der Sommerzeit) beziehungsweise „Die Traboules von Croix-Rousse & die Geschichte der Seide“ (sonntags um 10.30 Uhr von März bis Oktober). Auch die Geschichten hinter den Wandmalereien (Murals) im Stadtgebiet (siehe „Kultur“) sind so vielfältig, dass man sie sich am besten von einem Fremdenführer erzählen lässt.
www.de.lyon-france.com/guided-tours-excursions


Buchtipp
Klaus Werner (Hrsg.), Petra Sparrer: „CityTrip Lyon“
Bewährter kompakter Reiseführer mit Faltplan. Tipps zu Sehenswürdigkeiten und Restaurants.
Verlag: Reise Know-How
ISBN: 978-3831724147

Sehenswertes
UNESCO-Weltkulturerbe – diese Auszeichnung trägt die Altstadt, in der gotische Architektur auf Gebäude aus der Renaissance trifft; vor allem in der Rue St. Jean. Aber auch bei einem Spaziergang auf den steilen Croix-Rousse-Hügel wird kaum jemand seine Digitalkamera aus der Hand legen – geschweige denn in den Traboules (siehe eigene Rubrik). Erinnerungen an die Römerzeit finden sich im Parc archéologique de Fourvière (Rue de l’Antiquaille). Von dort eröffnet sich eine tolle Aussicht auf die Stadt; zu besichtigen sind zwei Amphitheater (eines davon ist das älteste Frankreichs), Überreste von Aquädukten und das Museum Gallo-Romain.
www.patrimoine-lyon.orgwww.musees-gallo-romains.com


Traboules
Die Bauherren des 15. und 16. Jahrhunderts haben das Beste aus den beengten Platzverhältnissen am Ufer des Flusses Saône gemacht: Statt mit einem großen Straßennetz verbanden sie die Wohnblöcke der Altstadt einfach mit Fußgängerpassagen, sogenannten Traboules – unter Gewölben mit Spitzbögen und geschmückt mit Renaissance-Verzierungen. Die Augen sollte man vor allem offen halten, wenn man sich in der Rue St-Jean, der Rue des Trois-Maries, dem Quai Romain-Rolland, der Rue St-Georges und dem Quai Fulchiron bewegt. Auch verschlossene Türen sollte man einfach mal zu öffnen versuchen. Tipp: Der längste Durchgang ist zwischen der 54 Rue Saint-Jean und der 27 Rue du Boeuf.
www.lyontraboules.net


Museen
In fünf Abteilungen zeigt das Museum der Schönen Künste (20 Place des Terreaux) sowohl Malerei, Bildhauerkunst, Antikensammlungen, Kunstobjekte und Münzen aus aller Welt. Das Musee des Confluences (86, quai Perrache) widmet sich in einem spektakulären neuen Gebäude ab Ende des Jahres den Naturwissenschaften seit Anbeginn der Zeit. Das Musée de Tissus (34 Rue de la Charité) war das erste der Welt, das Textilien sammelte. Und mit den Brüdern Lumières – den Gründern des Kinos – befasst sich das Musée Lumière (25 Rue du Premier Film) in deren ehemaliger Familienvilla.
www.mba-lyon.frwww.museedesconfluences.fr
www.mtmad.frwww.institut-lumiere.org


Das Kirchenschiff der Basilika Notre-Dame.   Foto: posztos | shutterstock

Das Kirchenschiff der Basilika Notre-Dame. Foto: posztos | shutterstock

Kirchen
Im linken Flügel der Kathedrale St. Jean (Place Saint-Jean) steht eine astronomische Uhr aus dem 14. Jahrhundert, die eine Hymne inklusive eines Hahnenschreis spielt. Um 12, 14, 15 und 16 Uhr erklingt dazu eine Spieluhr. Und die Kathedrale St. Jean aus dem 12. Jahrhundert sollte auch wegen ihres jahrhundertealten Dekors besichtigt werden. Auf dem Hügel von Fourvière thront die Basilika Notre-Dame (8 Place de Fourvière), deren Observatoire über 287 Stufen zu besteigen ist, um einen wundervollen Blick auf Lyon zu genießen. Die Grande Synagogue de Lyon (13 quai Tilsitt) wiederum ist die größte jüdische Einrichtung der Stadt und Teil des UNESCO-Welterbes.
www.cathedrale-lyon.cef.frwww.fourviere.org


Spezialitäten
Die Markthallen von Lyon oder die Fußgängerzonen sind die besten Orte für all jene, die sich mit leckeren Spezialitäten aus Lyon eindecken möchten.
Beliebte Wurstsorten beispielsweise sind die Androuillette und die Rosette, außerdem fast überall zu haben sind Quenelles (Klößchen). Wer es lieber süß mag, greift zu einem Gebäck namens Bugne oder nimmt sich Coussins aus dem Regal – ein Konfekt aus Schokolade und Marzipan mit grüner Färbung und dem Geschmack von Curaçao.


Restaurants
Frankreichs Küche ist berühmt – und jene in Lyon sogar noch spezieller: In traditionellen Bouchons gibt es Hausmannskost in einem Ambiente wie in alten Zeiten – dicht an dicht in der Altstadt. Freilich stehen auch Innereien auf der Speisekarte – einst ein Arme-Leute-Essen. Zu empfehlen ist beispielsweise Le Laurencin (24 Rue Saint-Jean) – ein uriges kleines Lokal mit rustikalen Möbeln. Bei Brunet (23 rue Claudia) gibt’s kleine Speisen und leckere Weine aus Krügen. Mitten in den Markthallen serviert Chez les Gones (102 cours Lafayette) typische Küche aus Lyon.
www.bouchonlyonnaisbrunet.fr


Bars
Seiner Lage am Zusammenfluss der Rhône und Saône ist sich Lyon bewusst – und weiß dies zu nutzen. Ein Erlebnis ist es etwa, auf einer der Boot-Bars einen Cocktail zu schlürfen und dabei langsam auf sanften Wellen zu schaukeln. Das geht zum Beispiel im La Passagère (21 Quai Victor Augagneur). Wer guten Wein trinken möchte, findet in La Cave des Voyageurs (7 place St-Paul) eine große Auswahl, Jazzmusik sämtlicher Stilrichtungen läuft im Hot Club (26 rue Lanterne).
www.lacavedesvoyageurs.frwww.hotclubjazzlyon.com


Einkaufen
Wer gerne Märkte besucht, wird sich wohlfühlen in Lyon. Jeden Tag außer montags ist Markt am Quai St. Antoine, der Kreativmarkt Marché de la Création steigt jeden Sonntagmorgen am Quai Romain-Rolland. Kunsthandwerk gibt es auf dem Marché de l’Artisanat am Quai Fulchiron. Regionale Spezialitäten verkaufen die Läden in den Markthallen (102 cours Lafayette) – oder Bonnard (36 rue Grenette), wo Trüffelwurst und Hechtklößchen im Sortiment sind. Typische Lyoner Schokolade gibt’s bei Voisin (28 rue de la République).


Mit Kindern
Was den Deutschen der Kasper, ist den Franzosen ihr Guignol. Sie ist Anfang des 19. Jahrhunderts in Lyon erfunden worden – und lebt dort bis heute fort. Das Musée des Marionnettes du Monde (1 Place du Petit Collège) zeigt 330 Puppen, Bühnenbilder und andere Gegenstände aus der ganzen Welt; insgesamt umfasst die Sammlung sogar 2.000 Marionetten. Spannend wird ein Besuch im Museum wegen der Multimediafilme in vielen Räumen. Eine Welt im Miniaturformat zeigt sich bei einem Besuch im Musée Miniature & Cinemá (60 rue Saint-Jean) des Künstlers Dan Ohlmann. Er hat Gebäude und alltägliche Orte so klein nachgebaut, dass sich selbst Kinder beim Betrachten wie Riesen vorkommen.
www.gadagne.musees.lyon.frwww.museeminiatureetcinema.fr


Jedes Jahr am 8. Dezember leuchten die Fassaden bei der Fète des Lumières.   Foto: Pierre-Jean Durieu | shutterstock

Jedes Jahr am 8. Dezember leuchten die Fassaden bei der Fète des Lumières. Foto: Pierre-Jean Durieu | shutterstock

Kultur
Trompe l‘œil – das steht für Malereien, die das Auge täuschen. In Lyon sind mehr als 100 davon in jedem Stadtteil auf Häuserfassaden gemalt: am Tony Garnier
Urban Museum (4 Rue des Serpollières), an der Seidenarbeiter-Wand in Croix-Rousse oder an der Wand der Berühmtheiten. Aus Militärbaracken ist das Kulturzentrum Les Subsistances (8 bis quai Saint-Vincent) entstanden, in dem Tanz, Theater und Zirkus zu sehen sind.
Das neue gläserne Dach auf dem denkmalgeschützten Opernhaus leuchtet nachts rot, das Programm darunter ist einer Nationaloper würdig.
www.cite-creation.comwww.les-subs.comwww.opera-lyon.com


In der Natur 
Einen Quadratkilometer misst der Parque de la Tête d’or und ist damit einer der größten Stadtparks Europas. Die Grünanlage ist von der Rhône-Seite aus über ein berühmtes geschmiedetes Eingangsportal betretbar. Im Park befinden sich ein Zoo mit mehr als 1.000 Tieren und ein See. Direkt daneben ist ein Rosengarten mit 70.000 Pflanzen angelegt. Pflanzenfreunde kommen auch im Botanischen Garten und dem dritthöchsten Gewächshaus Europas auf ihre Kosten, die ebenfalls zum Park gehören. Auch außerhalb finden Touristen schöne grüne Oasen: im Parc de Gerland (24, allée Pierre de Coubertin) direkt am Ufer der Rhône.
www.jardin-botanique-lyon.com


Am Abend
Kabarett in einem Kellergewölbe aus dem 16. Jahrhundert? Das gibt’s in der 18 rue
Lainerie im Au Pied dans l’Plat. Allein der Atmosphäre wegen lohnt sich hier ein
Besuch. Wer kein Französisch beherrscht, der kann sich dort zumindest das Abendessen schmecken lassen. Sprachkenntnisse sind auch auf der Place de la Comédie verzichtbar, wo jeden Abend Hip-Hop-Tänzer und andere Akrobaten ihre unglaubliche Körperbeherrschung demonstrieren. Spektakuläre Tanzshows von Profis zeigt das Maison de la dance, also das Tanzhaus (8 avenue Jean Mermoz).
www.aupieddanslplat.frwww.maisondeladanse.com


Umgebung
30 Kilometer nordöstlich von Lyon liegt Pérouges – ein Ort mit etwas mehr als 1.000 Einwohnern, der so aussieht, als sei das Mittelalter noch nicht vorbei.
Das auf einem Hügel gelegene Dorf ist offiziell als eines der schönsten in ganz Frankreich klassifiziert worden. Im Film „Die drei Musketiere“ diente es als Kulisse und ist regelmäßig Austragungsort von Ritterspielen. Wer sich für Architektur interessiert, sollte sich das Kloster Sainte-Marie de la Tourette in Eveux anschauen – von 1956 bis 1960 erbaut vom berühmten Architekten Le Corbusier. Es steht
in der Kandidatenliste für zukünftige Welkulturerbe-Stätten der UNESCO.
www.perouges.orgwww.couventdelatourette.fr


Fazit
Wer Lyon bisher nur als Durchgangsstation in den Süden von Frankreich oder nach Spanien wahrgenommen hat, der sollte beim nächsten Mal einen Zwischenstopp einlegen (oder die rund 500.000-Einwohner-Stadt gar zum Ausgangspunkt für Reisen ins Umland machen). Die historische Altstadt mit ihren jahrhundertealten Traboules, die köstliche französische Küche in den ebenso alten Bouchons und die Römerstätten samt Museum auf dem Hügel Fourvière laden ebenso zu einem entspannten Urlaub wie mittelalterliche Dörfer (Höhepunkt: Pérouges) in 30 Kilometern Entfernung.

Stell- und Campingplätze
Camping Indigo International
Allée du Camping International · FR-69570 Dardilly
GPS: 45°49‘12.2“N/ 4°45‘39.1“E
15 Minuten vom Stadtzentrum entfernt (mit dem eigenen Fahrzeug), zudem mit Nahverkehrsanbindung. Durchgehend geöffnet.
Infos: www.camping-indigo.com
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Artikelbewertung
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