Der große Report: Federsysteme für Wohnmobil und Kastenwagen von Theo Gerstl

Das Reisemobil ist eingeräumt, Freizeitequipment, Lebensmittel, Gas und Kleidung sind an Bord, der Tank ist voll, und die Urlaubsfahrt kann beginnen. Doch irgendwie steht der treue Reisegefährte ein wenig traurig da, mit seinem tief hängenden Heck. Das war doch früher nicht so, und wir haben nicht mehr eingeladen als sonst auch!
Das hängende Heck ist eines der Symptome, an denen sich zeigt, dass das Fahrwerk eines Reisemobils seine besten Jahre hinter sich hat und einer Sanierung bedarf. Ebenso verlässliche Indikatoren sind ein schwammiges Handling, steigende Seitenempfindlichkeit oder ein instabiles Bremsverhalten.

Immer unter Vollast
Die Basis der allermeisten Reisemobile sind die Transporterbaureihen der verschiedenen Hersteller. Diese Kleinlaster sind zwar für den professionellen Dauereinsatz gebaut, ihre Fahrwerke bilden aber einen Kompromiss zwischen den verschiedenen Beladungszuständen: Einerseits müssen sie die volle Zuladungskapazität verkraften können, andererseits sollte auch ohne Last an Bord noch ein akzeptabler Federungskomfort gewahrt bleiben.
Doch im Wohnmobil ist Dauerstress angesagt: Vom ersten Kilometer an ist hier das Fahrzeug permanent an der Grenze seiner Zuladungskapazität unterwegs. Schon die Ein- und Aufbauten wiegen in der Regel so viel, dass das leere Fahrzeug nur ein paar Hundert Kilogramm vom zulässigen Gesamtgewicht entfernt ist. Und auch in diesem Zustand wird kaum einen Kilometer weit gefahren: Zusatzausstattungen, das Urlaubsequipment, Wasser, Sprit und Gas bringen das fertig gepackte Gefährt bei jeder Urlaubsfahrt an die Grenze seiner Nutzlast. Für einen solchen Dauereinsatz sind die Fahrwerke der 3,5-Tonner-Basisfahrzeuge im Grunde nicht ausgelegt. Da hilft es auch nicht viel, wenn ein speziell für Reisemobile entwickeltes Chassis verbaut ist. Schließlich stellt auch dieses einen Kompromiss zwischen möglichst kompakter Bauweise, Gewicht und Dauerhaltbarkeit zu akzeptablen Kosten dar. Und nach einigen Jahren ist auch hier das Lebensende der Fahrwerkskomponenten erreicht.

Systemlösungen
Für Reisemobile auf Basis des bisherigen Ducato-Kastenwagens und seinen Schwestermodellen Peugeot Boxer und Citroën Jumper hat Alko brandneu ein speziell abgestimmtes Nachrüstfahrwerk entwickelt. Dessen Vorderachsfederbeine namens „ACS“ bestehen aus zwei auf den Einsatz im Wohnmobil optimierten Stoßdämpfern und darauf abgestimmten Spiralfedern. Das Rear Suspension (ARS) Kit für die Hinterachse besteht aus Spezialstoßdämpfern, extra Spiralfedern und speziellen Anschlagspuffern. Das ganze Set ist speziell auf das Gesamtgewicht und die Achslast von Kastenwagen-Reisemobilen ausgelegt und in unterschiedlichen Versionen für die differierenden Gesamtgewichte der Fahrzeugvarianten 33L, 35L und 35H lieferbar. Das „Einsinken“ an der Hinterachse durch hecklastige Beladung wird durch das Alko-Fahrwerk minimiert und die Fahrstabilität maximiert. Aufgrund des vergrößerten Federwegs werden harte Stöße besser abgefedert, was den Wohnausbau schont und den Fahrkomfort erhöht.
Mit dem „OmniRoad-Paket“ nimmt sich der Fahrwerksspezialist Goldschmitt des VW T5 an. Da schwere Einbauten und die meist ungleichmäßige Gewichtsverteilung das Transporter-Fahrgestell mit seinem serienmäßigen Stahlfedersystem schnell an die Belastungsgrenze bringen, ersetzt Goldschmitt dieses gleich durch eine komplette Luftfederung und montiert größere Räder. Alles zusammen verbessert nicht nur die Optik und die Fahrdynamik, sondern erhöht zudem die Bodenfreiheit gegenüber dem Serien-Chassis.

Kur für Blattfedern
Speziell an der Hinterachse von Wohnmobilen kommen in der Regel Blattfeder-Systeme zum Einsatz. Die Spannung der darin verbauten Federpakete nimmt im Lauf der Jahre aufgrund von Materialermüdung ab. Mit dem Effekt, dass das Heck des Fahrzeugs durchhängt. Per Einbau einer neuen Feder-Zusatzlage kann die ursprüngliche Spannung des gesamten Federpaketes wieder hergestellt und so das Fahrzeugheck auf die ursprüngliche Höhe gebracht werden. Der unkomplizierte Einbau und die geringen Kosten sprechen für diese Art der Frischzellenkur bei Blattfeder-Fahrwerken.
Bei einer ungleichmäßigen Gewichtsverteilung zwischen linker und rechter Fahrzeugseite – beispielsweise durch einen asymmetrischen Innenausbau oder schwere Anbauteile auf einer Seite – kann es vorkommen, dass das Fahrzeug zu einer Seite hin hängt, also schief steht. In diesem Fall helfen spezielle Metallplatten weiter, die einseitig zwischen Federpaket und Achse montiert werden und so das Fahrzeug wieder waagerecht stehen lassen. Montiert man zwei dieser Ausgleichsstücke – auf jeder Seite eines – heben diese das gesamte Fahrzeugheck an. Dies ist eine preiswerte Lösung, beispielsweise um bei Fahrzeugen mit langem Hecküberhang das Aufsetzen achtern zu verhindern. Mit der Kombination von zwei unterschiedlich starken Ausgleichsstücken auf der linken und rechten Seite kann ein schief hängender Wohnaufbau in die Waagerechte gebracht und gleichzeitig sein Heck höhergelegt werden. Eine einfache Lösung, die viel Nutzen bringen kann.

Überforderte Schraubenfedern
Fahrwerke mit Schraubenfedern arbeiten Prinzip-bedingt deutlich komfortabler als solche mit Blattfedern. Deshalb kommen sie in der Regel an der Vorderachse und damit unter der Fahrerkabine zum Einbau – um hier den Fahrkomfort zu verbessern. Gleichzeitig sind sie jedoch weniger stark belastbar, und das kann speziell bei Integrierten-Wohnmobilen zum Problem werden. Lasten bei ihnen doch besonders hohe Massen auf der Vorderachse – von der schweren Panorama-Windschutzscheibe bis hin zum Hubbett. In der Folge quittiert die Vorderrad-Federung im Lauf der Zeit oft ihren Dienst, und die Nase des Fahrzeugs hängt nach unten. Das nun durchschlagende Fahrwerk verursacht nicht nur Komforteinbußen, es malträtiert auch den gesamten Aufbau sowie den Innenausbau und gefährdet die Fahrsicherheit, speziell in Kurven und beim Bremsen.
Dieses Problem lösen verstärkte Schraubenfedern, die für die speziellen Belastungen im Reisemobil entwickelt worden sind und die anstatt der Serienfedern montiert werden. Da es die Nachrüstfedern in verschiedenen Längen gibt, ist eine Höherlegung der Fahrzeugfront um bis zu zehn Zentimeter möglich. In Verbindung mit den bereits beschriebenen Ausgleichsstücken an der Hinterachse kann so der komplette Aufbau höhergelegt werden. Dies erleichtert speziell bei Wohnmobilen mit langem Radstand oder großem Hecküberhang das Überfahren von Rampen, wie sie beispielsweise bei der Ein- und Ausfahrt von Fährschiffen zu bewältigen sind.
Doch auch erlahmten Blattfedern an der Hinterachse kann mit Schraubenfedern eine Verjüngungskur erteilt werden. Als Zusatzfeder zwischen Achse und Fahrzeugrahmen montiert, verteilt sich das Gewicht des Aufbaus auf Blatt- und Schraubenfedern, die schwächelnde Originalfederung wird entlastet, das Fahrzeugheck hebt sich wieder auf das Serienniveau, und das Fahrverhalten sowie der Komfort verbessern sich.

Hersteller* von Federsystemen für Wohnmobile und Kastenwagen
Alko Fahrzeugtechnik
Tel. 08221-970
www.al-ko.de


Goldschmitt techmobil GmbH
Tel. 062-832229100
www.goldschmitt.de


Kuhn Auto Technik GmbH
Tel. 06532-95300
www.kuhn-autotechnik.de


Liberco Systems GmbH
Tel. 05472-9549980
www.liberco.de


A. Linnepe GMBH
Tel. 02333-98590
www.linnepe.eu


SAWIKO Fahrzeugzubehör GmbH
Tel. 05493-99220
www.sawiko.de/federsysteme.php


SMV
Tel. 05471-95830
www.smv.ag


VB-Airsuspension Deutschland GmbH
Tel. 02331-624740
www.vbairsuspension.com/de


* ohne Wertung oder Anspruch auf Vollständigkeit

Variable Zusatz-Luftfederung
Eine weitere Möglichkeit, erlahmten Hinterachsen jugendliche Frische einzuhauchen, besteht darin, sie bei ihrer Arbeit mit einer zusätzlichen Luftfederung zu unterstützen. Hierzu werden zwei Luftbälge zwischen Achse und Fahrzeugrahmen eingesetzt, deren Druck per Kompressor (oder an der Reifenfüll-Station jeder Tankstelle) an die verschiedenen Beladungszustände angepasst werden kann. So lässt sich das Niveau des Hecks justieren: von der waagerechten Ausrichtung im normalen Fahrbetrieb bis zur Höherlegung zum problemlosen Befahren von Fährrampen oder schlechten Wegen. Weitere Vorteile bringt die Zusatz-Luftfederung dadurch, dass das Fahrzeug selbst bei hoher Beladung nicht in die Knie geht. Die zusätzliche Belastung kann über eine Erhöhung des Luftdrucks im System kompensiert werden. Luftfedern ermüden auch nach Jahren nicht, erhöhen dafür aber den Fahrkomfort spürbar und verbessern die Fahrdynamik des Reisemobils.

Ein oder zwei Regelkreise
Zur Steuerung des Drucks in den Faltenbälgen einer Zusatz-Luftfederung gibt es zwei Alternativen: ein- und zweikreisige Systeme. Bei Ein-Kreis-Systemen werden beide Luftbälge an der Hinterachse über eine gemeinsame Luftleitung befüllt – damit ist der Luftdruck in beiden Luftfedern gleich. Beim Zwei-Kreis-System ist es möglich, jeden Luftbalg individuell aufzublasen, dazu sind zwei voneinander unabhängige Druckluft-Kreisläufe nötig. Somit ist beim Zwei-Kreis-System auch einseitiges Justieren der Luftfeder-Hinterachse bei ungleichmäßiger Beladung (links/rechts) möglich.

Komplette Luftfederung
Während bei der Zusatz-Luftfederung die serienmäßigen Federn erhalten bleiben, werden diese bei der Voll-Luftfederung komplett ersetzt. Gleichzeitig wird die Radführung bei ursprünglichen Blattfederachsen durch neue Lenker ersetzt – schließlich kommt der Blattfeder auch die Aufgabe der Radführung zu. Die entsprechend groß dimensionierten Luftbälge werden per Steuergerät vollautomatisch mit dem aktuell nötigen Innendruck versorgt. Bei der einfacheren Version, der so genannten Zwei-Kanal-Luftfederung, erfolgt der Umbau nur an der Hinterachse, bei der Vier-Kanal-Luftfederung wird die Vollluftfederung an allen vier Radaufhängungen verbaut. Was in der Praxis bedeutet, dass sich das Fahrzeug unabhängig von der Beladung automatisch waagerecht ausrichtet und Wankbewegungen in Kurven oder bei Seitenwind ausgleicht. Natürlich ist auch ein manueller Eingriff möglich, um beispielsweise das Heck anzuheben oder abzusenken.


Die Fahrwerks-Tuning – Luftferder-Einbau-Fotostrecke

Hier geht es direkt zur Luftferder-Einbau-Fotostrecke – einfach auf das Foto klicken, die Fotostrecke öffnet sich in einem neuen Fenster.

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Der große Report: Fahrwerks-Tuning – Expertentipp

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Hier geht es direkt zum Camp24-Experten-Tipp – einfach auf das Foto klicken, das Interview öffnet sich in einem neuen Fenster.

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Ein Gedanke zu “Der große Report: Federsysteme für Wohnmobil und Kastenwagen

  1. In der Firma haben wir einen Kastenwagen mit Goldschmitt Luftfeder und neuer Steuerung. Fährt sich mE deutlich angenehmer, vor Allem auf kurvenreichen Strecken

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