Weite und Individualismus – Südschweden (Seite 1 von 2) von Frank Siepmann | Johannes Kühner (Guide)
Tourist Info
Schwedisches Fremdenverkehrsamt
Visit Sweden
Michaelisstr. 22 · D-20459 Hamburg
Tel. 040-32551310
www.visitsweden.com


Deutsches Konsulat
Skarpögatan 9 · 115 27 Stockholm
Tel. 08-6701500
www.stockholm.diplo.de

Ruhe. Abgeschiedenheit. Entspannung. Entschleunigung. Sanftes Dahingleiten im Kanu durch unberührte Natur. Wir ahnen noch nicht, was Schweden für uns bereithalten wird, als wir mit der Fähre aus Rostock in Trelleborg ankommen. Doch schon der erste Eindruck ist positiv: Sind wir sonst meistens in Südeuropa unterwegs und beim Verschiffen einiges Chaos gewohnt, ist die Ankunft in Schweden ganz entspannt. Es dämmert schon leicht, als die Fähre anlegt, und wir lassen den Hafen schnell hinter uns. Auf dem Weg nach Ystad finden wir einen ruhigen Parkplatz in Strandnähe, um dort unsere erste Nacht in Schweden zu verbringen.
Die Temperaturen sind Anfang August fast südländisch hoch, doch eine Regenfront ist angesagt. Schon am nächsten Morgen fallen die ersten Tropfen. Wir entscheiden uns für einen kurzen Besuch der „Wallander“-Stadt Ystad – dort spielen die Krimis des berühmten schwedischen Autors Henning Mankell. Auch die Verfilmungen fanden hier statt. Beim Bummel durch die malerische Altstadt des einst bedeutendsten Handelszentrums finden sich überall Spuren zu den Romanen. In der Mariagatan 10 beispielsweise steht ein rotes Backsteingebäude: das Wohnhaus Wallanders.

Badeurlaub in Schweden
Wir belassen es bei einem kurzen Bummel und steuern mit unserem Wohnmobil die Südwestküste an. Kilometerlange Sandstrände reihen sich auf der Halbinsel Falsterbo aneinander und laden zum Baden oder zu langen Spaziergängen ein. Fischliebhaber kommen im Doppelort Skanör/Falsterbo auf ihre Kosten. Wir flanieren zwischen Bootshäusern, Eisdielen und Fischlokalen und suchen uns eines davon aus.
Zu unserem nächsten Ziel haben wir eine etwas längere Fahrt vor uns: Wir wollen Zeit in Ängelholm verbringen. Das gemütliche Örtchen hat nicht sehr viel zu bieten, die Region ist aber hervorragend geeignet für Fahrradtouren. Wir buchen uns für ein paar Tage auf dem lokalen Campingplatz am Meer ein, faulenzen am Strand und unternehmen Touren mit unseren Mountainbikes durch die anliegenden, kilometerlangen Wälder. Der Campingplatzbesitzer gibt uns an einem Abend den Tipp, dass es in Ängelholm ein Volksfest geben wird. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Auf dem Fluss Rönnea, der durch das Stadtzentrum fließt, sehen wir eine Bootsparade, auf einer Bühne spielen Musiker, und nach Einbruch der Dämmerung gibt es ein wunderschönes Feuerwerk. Zufrieden kehren wir am Abend zum Campingplatz zurück.
Bei einer unserer Fahrradtouren in der Region entdecken wir an der Mündung der Rönnea ins Meer bei Skälderviken einen sehr netten Stellplatz mit WC zwischen Fluss und Strand, wunderschön gelegen und kostenfrei. Ein Tipp für alle Wohnmobilreisenden, die für ein paar Tage hier ans Meer wollen!

Kanurevier im Landesinnern
Wir haben unsere Kanus auf dem Dach des Wohnmobils dabei; deshalb zieht es uns ins Landesinnere. Unser Ziel ist das Gebiet um den Möckelnsee in einer sehr waldreichen und hügeligen Landschaft. Bei Älmhult – Stammsitz von Ikea – erstreckt sich das Gewässer weit zerfranst nach Norden; ein wunderschönes Kanurevier.
Erst spät am Nachmittag kommen wir am Virestadjön an: einem kleinen
Nebensee und Ausgangspunkt unseres Kanuwanderwegs. Am Nordende finden wir mit unserem Wohnmobil einen entzückenden Naturcampingplatz mit WC, Trinkwasser, Feuerstellen und einem Sandstrand, fast wie in der Karibik. Unser Gefährt stellen wir direkt am Strand ab und machen es uns an diesem schönen Ort gemütlich.
Tagsüber paddeln wir mit unseren Booten den See ab und beobachten dabei Wildgänse. Abends kochen wir zur Abwechslung nicht im Reisemobil, sondern bereiten unsere Mahlzeit auf dem Lagerfeuer zu. Wir lernen Jörgen kennen – einen pensionierten Polizisten, der ein wenig nach dem Platz schaut und uns einiges über die Region erzählt. Es ist wie fast überall in Schweden: Das Leben ist ohne Hektik, man trifft sich, erzählt ein wenig, und als Tourist fühlt man sich sehr willkommen.
Ein Regenschauer jagt den nächsten, als wir wieder weiterfahren. Die ersten nassen Blätter fallen, Nebel steigt aus den Wäldern auf, als er plötzlich auf der Straße steht: ein Elch! Sofort steige ich auf die Bremse, meine Frau zückt die Kamera. Wir verlassen unser Wohnmobil. Ganz entspannt bleibt das Tier stehen, sodass wir es bestaunen können. Innerhalb von zwei bis drei Minuten halten noch mehr Autos an, ehe der Elch gemütlich von dannen trottet.
Nachdem sich die Aufregung wieder gelegt hat, finden wir in Bolmsö einen netten Campingplatz, etwas auf einer Anhöhe gelegen, mit Blick auf die vielen kleinen Inseln auf dem See Bolmen. Eine Sage aus der Gegend berichtet von einem Ritter mit dem Namen Ebbe Skammelson, der im Streit seine Verlobte getötet haben soll. Als Strafe wurde er gefesselt und dazu verurteilt, je einen Tag und eine Nacht auf jeder Insel des Sees auszuhalten – denn es sind 365 an der Zahl.
Für uns wird es langsam Zeit ein Stück weiter in den Norden zu kommen. In Mittelschweden haben wir für unsere Tochter ein Pferd gemietet und wollen ein paar Tage in der Einsamkeit Mittelschwedens unterwegs sein. In Jönköping füllen wir in einem großen Supermarkt unsere Vorräte auf – eine gute Entscheidung, denn Richtung Norden liegen Lebensmittelgeschäfte oft kilometerweit auseinander.

Moore, Kiefern und Felslandschaft
Am Vätternsee legen wir noch ein paar Tage Pause ein. Unser Ziel ist der Tiveden Nationalpark bei Karlsborg. Schon in dieser dem Park nächstgelegenen Stadt befindet sich ein großes Informationszentrum, in dem wir alle wichtigen Infos bekommen. Auf der N49 reisen wir mit unserem Wohnmobil von dort weiter bis Gravik und biegen an einer kleinen Straße nach links ab in Richtung Park ab. Übernachten ist dort verboten, aber wir finden einen wunderschönen Ort an einem Picknickplatz direkt am Wasser, nur wenige Kilometer vor dem Eingang zum Nationalpark.
Die ganze Region östlich des Undensees besteht aus hügeligem Waldland, mit vielen kleinen Seen und Flüssen. Unzählige Sagen und abergläubische Geschichten sind mit diesem Waldgebiet eng verbunden. Das Alter des Waldes in Kombination mit der wilden, von Inlandeis erschaffenen Blocklandschaft verleiht dem Nationalpark einen wildmarkhaften Charakter.
Am nächsten Morgen begeben wir uns in den Nationalpark hinein, um zu Fuß auf markierten Wanderwegen die Landschaft zwischen Mooren, Kiefern und Felsen zu erkunden. Auf dem Wanderparkplatz lassen wir unser Wohnmobil zurück, packen Proviant und Regenkleidung ein und laufen los. Mal geht es steile Felsen hinauf, dann wieder durch ein Moor über einen Holzbohlenweg, alles gut abgesichert mit Seilen. Müde, aber sehr zufrieden kommen wir nach vier Stunden zurück „nach Hause“.
Über eine Schotterpiste verlassen wir den Nationalpark wieder und finden ein paar Kilometer weiter am Bösjensee schöne Plätze zum Übernachten. Nach einem ausgiebigen Frühstück holen wir unsere Boote vom Dach des Wohnmobils und paddeln ein paar Seen ab. Sie sind durch kleine Kanäle verbunden, manchmal müssen wir unsere Kanus mit einem Rollwagen ein paar Meter zwischen den Seen transportieren. Für all die Arbeit belohnt uns die Natur mit einmaligen Anblicken. Im aufsteigenden Nebel kommen die ersten Sonnenstrahlen zum Vorschein, Frösche quaken am Ufer, und wir entdecken die sehr seltenen roten Seerosen. Lautlos gleiten wir den ganzen Tag durch das Wasser und sind begeistert von diesem Kanurevier.

Ruhe und Einsamkeit
Und dann erreichen wir über die N64 und unebene Naturstraßen unser Ziel: einen kleinen, einsam gelegenen Pferdehof bei dem Weiler Ofolsen im mittelschwedischen Värmland, auf dem wir uns für fünf Tage ein Pferd geliehen haben. Hofbesitzer Heinrich, ein österreichischer Auswanderer, gibt uns ein paar Karten mit, auf denen Weiden zum Übernachten eingezeichnet sind. Sie gehören zur Infrastruktur eines Reitwanderweges und sind alle auch mit unserem Wohnmobil erreichbar.
Ich fahre mit unserem Ducato und dem Gepäck schon einmal zum Übernachtungsplatz vor, während unsere Tochter Mascha mit ihrer Haflingerstute und Tagesproviant losreitet und meine Frau mit dem Fahrrad gemütlich hinterherkommt. Ich selbst bin mit dem Kajak oder zu Fuß unterwegs.
Mehrere Tage sind wir so unterwegs, ohne auf Menschen zu treffen. Natur pur! Wo gibt es so viel Ruhe und Einsamkeit noch in Europa? Es ist der richtige Platz zum Entschleunigen, zum Abschalten von der Arbeits- und Alltagshektik daheim! An wunderschönen Rastplätzen finden wir Feuerstellen zum Kochen und eingezäunte Weiden mit direktem Zugang zu den überall verteilten Seen. Auch unserem Wohnmobil bereitet das abgelegene Gebiet keine Probleme. Wir können uns direkt auf die Weiden stellen und haben so unseren eigenen Campingplatz mit Seezugang.

Unterwegs im besten Kajakgebiet Schwedens
Doch auch die schönste Ruhe hat irgendwann ihr Ende. Nach ein paar Tagen geben wir das Pferd wieder am Hof ab und kommen zurück in die Zivilisation. Faszinierende Landschaft bekommen wir trotzdem auch nach unserer Weiterfahrt an die Ostküste geboten: Über Söderköping gelangen wir nach Tyrislot und in ein Naturparadies: die St.-Anna-Schären. Sie bestehen aus Tausenden von Inseln, geformt in Millionen Jahren durch Eis und Wind. Die Schären sind ein Paradies für Seekajakfahrer und nicht umsonst als bestes Kajakgebiet Schwedens ausgezeichnet worden.
Es ist ein tolles Gefühl, leise durch das Meerwasser zwischen dem Wirrwarr an Inseln zu gleiten. Auf einer zweitägigen Tour begegnet einem ab und an ein anderer Kajakfahrer, aber ansonsten herrschen Idylle und Abgeschiedenheit zwischen den Inseln. Überall besteht die Möglichkeit, am Ufer anzulegen, ein Picknick zu machen oder gar zu übernachten. Viele Inseln haben kleine Naturhäfen und sind mit Trockentoiletten ausgerüstet.
Einen besonderen Höhepunkt bieten die äußeren Schären. Dort haben sich inzwischen wieder Kegelrobben angesiedelt. Diese waren in den 70er-Jahren fast ausgestorben, sind nach vielen Naturschutzmaßnahmen heute aber wieder überall anzutreffen. Aber Achtung: Während die inneren Schären wettergeschützt liegen, können Wind und Wellen in den äußeren Schären sehr schnell zu einer Gefahr im Kajak werden.

Es geht heimwärts
Nachdem auch diese zwei Tage auf dem Wasser zuende sind, müssen wir langsam wieder unsere Heimreise antreten. Über die E22 gelangen wir in den Süden und legen noch einen Stopp in Ronneby ein. Wir haben Ende August, und so langsam endet die Saison in Schweden. Auch die Rezeption des Campingplatzes in Ronneby ist nur noch für eine Stunde geöffnet, und die Restaurants am Meer haben schon geschlossen.
Wir besuchen die Stadt, die eine kleine, aber feine Kaffeehauskultur hat. Der Besuch eines ehemaligen Emaillierwerks und heutigen Kulturzentrums lohnt sich, aber ansonsten ist Ronneby sehr verschlafen. Unsere letzten Tage verbringen wir am Strand, machen Spaziergänge am Meer und genießen den Blick auf die vorgelagerten Schäreninseln – den Ort, der wie ein Fazit steht für unsere Reise: Schweden erweist sich als ideales Land für Naturerlebnisse und zur Entspannung vom Alltag in aller Abgeschiedenheit.

Tipp: Götakanal
Auf den Götakanal trifft die Bezeichnung im eigentlichen Sinne gar nicht zu. Er ist eine Wasserstraße, die Süd-­
schweden von der Baltischen See bis zum Kattegat durchquert. Dabei legt das Wasser seine 390 Kilometer überwiegend durch Seen zurück, die wiederum mit Kanälen verbunden sind. Der Kanal hat 58 Schleusen. Wirtschaftlich ist er kaum noch von Bedeutung und wird heute stattdessen touristisch genutzt. Er führt durch reizvolle Landschaften, lässt sich mit Dampfschiffen oder mit Kanus bereisen, und daneben verläuft ein Fahrradweg. Überall am Ufer gibt es Cafés zum Verweilen, Museen oder alte Kirchen zu besichtigen und natürlich gemütliche Dörfer mit guter Infrastruktur.
Tipp: Kanutour auf der Helge ä
Diese abwechslungsreiche Tour
ist auch für Anfänger geeignet und führt über verschiedene See- und Flussteile. Der breite und gemächlich fließende Helge ä führt vorbei an alten Steinbrücken, verschilften und mit Seerosen bedeckten Seen, und es finden sich wunderschöne Schlaf- und Rastplätze auf einzelnen Inseln. Die Tour dauert ein bis vier Tage und bietet beste Möglichkeiten, die Vogelwelt und Rehe zu sehen. Mit viel Glück sind auch Elche am Ufer zu beobachten. Die Tour startet in Virestadssjön und endet in Gustavsfors. Kanuverleihe gibt es in Markaryd, Älmhult, Kölaboda und Traryd. Hier bekommt man auch die nötigen Infos zu Schlafplätzen, Ausrüstungsmaterial und Karten.

Seite 2 – Guide Südschweden mit Infos zu Verkehrsbestimmungen, zum Jedermannsrecht, Campingplätzen, Stellplätzen und vielem mehr …

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