Grenzenlose Grenz-Erfahrung – Balkan Teil 1 (Seite 1 von 2) von Dirk Schröder | Johannes Kühner (Guide)
Tourist Info
Deutsches Konsulat Albanien
Rruga Skenderbej 8 · Tirana
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www.tirana.diplo.de


Deutsches Konsulat Mazedonien
Lerinska 59 · 1000 Skopje
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Eigentlich wollten wir nur kurz zum Geldwechseln nach Kristallopigi. Aber jetzt sitzen wir bei unserem Kaffeestopp einem Bistrobetreiber gegenüber, der deutsch spricht, und bleiben etwas länger im letzten Dorf vor der Grenze von Griechenland nach Albanien. Unser Gastgeber – Antonios – hat bis vor zwölf Jahren in Frankfurt eine Gaststätte betrieben und nun in seiner Heimat ein Bistro aus Natursteinen errichtet.
„Der Sommer hier ist sehr angenehm, 25 bis 28 Grad haben wir dann“, sagt der Mittfünfziger und sucht immer wieder nach den richtigen deutschen Ausdrücken, weil er vieles schon vergessen hat. Er sitzt uns beim Kaffeetrinken in einer blauen Jacke mit Fleece-Einlage gegenüber. Die Sonne wärmt zwar, doch der Wind ist auf 1.150 Metern Höhe kalt. In den Bergen liegt Schnee.
Im Winter lebt Antonios in Kastoria, einer Kürschnerstadt nicht weit von hier im Osten, wo seine Familie herstammt. Wir wissen, wovon er spricht, denn dort haben wir am Vortag einen wunderbaren Stellplatz am See gefunden und einen schönen Urlaubstag verbracht.
Jetzt zeigt Antonios uns sein Dorf. Neben seinem Bistro steht eine neu gebaute und weiß verputzte Dorfkirche. Weil Ostern ist, bringt er uns zu einem Schrein, der am Abend durchs Dorf getragen wird. Der Goldrand ist mit Nelken geschmückt. Antonios küsst routinemäßig das versilberte Buch, das in der Mitte liegt. Er ist sichtlich stolz, ein orthodoxer Christ zu sein.
Kinder, die vor der Kirchentüre spielen, kommen nun neugierig herein. Ein Junge, den ich auf 16 schätze, spricht uns sofort auf Deutsch an. Er ist in Frankfurt geboren und erst seit zwei Monaten in Kristallopigi. „Ja, noch ein Deutscher!“ kommentiert unser Begleiter. „Zehn Familien leben hier“, ergänzt er. Doch der Junge ist eine Ausnahme; viele Menschen wandern ab. Antonios sagt, in seiner Jugend seien etwa 150 Kinder in die Dorfschule gegangen, jetzt seien es noch sechs.
Auch sonst ist es im Dorf heute ruhig – im Gegensatz zum Vortag: „Gestern sind viele Albaner für das lange Osterwochenende nach Hause gefahren. Da hatten wir rund um die Uhr zu tun“, berichtet Antonios sichtlich erschöpft. So erfahren wir, dass etwa eine Million Albaner in Griechenland arbeiten, 300.000 bis 400.000 in Italien. Jetzt sind sie zuhause – „Karfreitag ist immer tote Hose!“, sagt der Grieche und brüht uns einen Kaffee auf einem Gaskocher auf.
Vielleicht bewahrt uns der Rückreiseverkehr vom Vortag vor einem Stau zu Beginn unserer Reise? Wir wollen von diesem abgelegenen Winkel im Nordwesten Griechenlands über Pogradec auf direktem Weg nach Ohrid in Mazedonien fahren. Vom Ohridsee dann weiter über Tirana an die Traumküste Montenegros mit dem langen Sandstrand und der gewaltigen Bucht von Kotor.

Pure Hilfsbereitschaft
Doch leider haben wir zunächst kein Glück mit dem Verkehr: Auf dem Weg zur Grenze geht es nur schleppend voran. Nach einer guten halben Stunde sind wir dem Grenzposten schon sehr nahe. Neben uns treibt ein Hirte seine Schafe und Ziegen zwischen den stehenden Wagen hindurch, auf der anderen Straßenseite pflügen Schweine die Erde an einem Parkplatzschild um.
Plötzlich klopft ein Mann hektisch an unser Fenster und signalisiert uns, außen herumzufahren und uns hinter einem Bus einzureihen. Er gestikuliert dabei heftig mit Armen und Händen etwas, das wir als „Groß“ interpretieren. Ja, jetzt ist es klar: Weil wir ein großes Fahrzeug haben, dürfen wir uns in der Lastwagen- und Busspur einreihen. Seine Hilfsbereitschaft übertrifft alles, was wir erwartet hätten.
So stehen wir bald an einem kleinen Schalterhäuschen und sehen, wie unsere Reisepässe durch ein elektronisches Gerät gezogen und unsere Daten eingegeben werden. Wagenpapiere, grüne Versicherungskarte, Reisepässe und zehn Euro für jedes Visum, das mit einem großen Stempel in den Pass gedrückt wird. So einfach hatten wir uns das alles nicht vorgestellt.

Einfahrt nach Albanien
Schon rollen wir durch Albanien, schauen gespannter und neugieriger aus dem Fenster als bisher. Die angekündigten Schlaglöcher bleiben vorerst aus. Dafür fallen uns überall kleine Geschützstellungen auf, die wie Betonpilze aus dem Boden schauen.
Kapeshtice, das erste Dorf nach der Grenze, wirkt ärmlich, viele Häuser sind aus Lehm gebaut und an einem braunen Hang kaum zu erkennen.
Doch schon in Bilisht ändert sich das Bild. Uns fallen viele neue Häuser auf, manche noch im Rohbau und doch schon bewohnt. Ungewöhnlich viele Autohändler preisen Reifen, Alufelgen oder Ersatzteile an. Große Werbeschilder prangen rechts und links der Straße, wir sehen Banken und Handyshops. Auch die Autos sind moderner, als wir erwartet hatten.
Um uns einen besseren Eindruck zu verschaffen, nehmen wir in Korcë bewusst den Schlenker über die Hauptstraße, wo die erwarteten Schlaglöcher unser Tempo abrupt gewaltig drosseln. Dort taucht dann auch das eine oder andere Pferdefuhrwerk auf der Straße auf. Dominanter aber sind Taxen in ihrem metallic-grün.
Nach 60 Kilometern bis Pogradec sind wir überzeugt, dass Albanien ein Land im Aufbruch ist. Rechts und links der Landstraße sind geschmackvolle Häuser entstanden. Immer wieder fallen uns Obstplantagen und Weinfelder auf, die noch nicht allzu lange existieren. Viele Menschen haben sich hier eine Existenz geschaffen.

Ein Land im Aufschwung
Ich sitze immer noch angespannt hinterm Steuer, obwohl die Straße auch ohne Seitenbefestigung passabel ist. Trotzdem bin ich darauf eingestellt, unvorhergesehenen Hindernissen ausweichen zu müssen. Erst als wir nach einigen Kurven vor einem Verkaufsstand anhalten, finde ich die Ruhe, um den Blick in die weite Ebene, den riesigen Ohridsee und die verschneiten Bergkuppen auf mich wirken zu lassen.
Die Stadt Pogradec liegt am Südende des zweigeteilten Binnensees. Coca Cola, Fastfood, Internet und alles andere, was den Kapitalismus ausmacht, ist hier vertreten. Die breite Uferpromenade, der Sandstrand und die Weite des Sees verleiten uns, unser neues Wohnmobil zu parken. Wir haben ein gutes Gefühl, sicher zu stehen, und schlendern wie die Albaner am Ufer entlang. Wir beobachten Männer beim Spiel im Schatten der Bäume, tauschen bei einem Straßenverkäufer albanische Leckereien gegen Euro ein und ernten ein Lächeln von einem Fischer, der gerade sein Boot flott macht.

Urlaubsflair am Südufer des Ohridsees
„Wo kommt ihr her?“, fragt uns ein kräftig gebauter und elegant gekleideter Mann mit vollem schwarzen Haar bei unserem nächsten Fotostopp am See. Er tritt aus seiner Haustür auf die Straße. Nach wenigen Sätzen stellt sich heraus, dass Christoph seit zehn Jahren in New Jersey ein Restaurant betreibt und erst seit wenigen Wochen mal wieder in seiner Heimat ist. „Es hat sich viel verändert!“, bestätigt er unsere Beobachtungen. „Bevor ich in die USA gegangen bin, gab es viel Kriminalität. Am schlimmsten war es 1996, als das Militär aufgelöst wurde“, sagt er sichtlich erregt. „Da rannten die Menschen auf den Straßen herum und schossen in die Luft. Nun aber ist es sicher. Natürlich gibt es auch hier einige schwarze Schafe, doch die findet man überall“, beruhigt er uns.
Wir erfahren bald, dass der Müll am Ufer gesammelt und noch in diesem Jahr Pläne zur Kanalisierung der Abwässer umgesetzt werden sollen. Dann schwärmt der Albaner uns von der Natur im Hinterland vor und davon, wie schön es hier im Winter sei.
Wir haben für diesen Urlaub eine Runde um den Ohridsee vorgesehen und fahren schon bald zur Grenze nach Mazedonien. Auf der Nebenstraße nach Sveti Naum sind wir ganz allein unterwegs. Der Grenzposten in Uniform erinnert sich an seine Pflichten und kontrolliert jedes Papier. Auch er begegnet uns mit jener Freundlichkeit, die uns den ganzen Tag schon begleitet. Am See nimmt uns Niko, ein alter Mann mit wettergegerbtem Gesicht, für wenige Euro in seinem Boot mit. Er erzählt uns, dass das kristallklare Gewässer 315 Meter tief ist, 35 Kilometer lang und 16 Kilometer breit. 80 Kilometer sind es, wenn wir einmal ganz herum fahren wollen.

Die Perle am Ohridsee
Unseren nächsten Halt legen wir in Ohrid ein, mit 40.000 Einwohnern die größte Stadt am Ufer des Sees. Am Abend schlendern wir durch die Altstadt, die auf der UNESCO-Liste schützenswerter Denkmäler steht. Die Altstadt zieht sich in Stufen vom Hafen bis zur Festung der Stadt hinauf. Der Denkmalschutz hat Ohrid sein einheitliches Ortsbild bewahrt. Selbst Neubauten fügen sich harmonisch ein. Typisch sind die weißen Häuser, die mit ihrem ersten und manchmal auch zweiten Stockwerk weit über die Gassen ragen.
Es ist Wochenende – und obendrein noch Feiertag. So erleben wir die Einkaufsstraße im Dämmerlicht voller Menschen. Sie flanieren über das glatt polierte Pflaster des Korsos auf und ab, machen zwischendurch einen Stopp in einem der Cafés oder kaufen sich ein Eis, um dann weiterzubummeln.
Wegen unseres idealen Parkplatzes am Ufer gehören wir am nächsten Morgen zu den ersten, die mit einigen Joggern über den breiten Uferweg zur Altstadt ziehen. Am Hang blühen knallgelbe niedrige Büsche, Bäume spiegeln sich im kristallklaren Wasser, das mit dem Dunst am Horizont verschmilzt. Fast fühlt es sich an wie am Meer.
Die kleine Kirche Sv. Jovan liegt malerisch beleuchtet am äußeren Ende einer Landzunge. Sie ist eine von 40 Kirchen in der Stadt. Manche sind klein und versteckt, andere groß und auffallend wie die Sveti Sovia. Archäologen bringen immer noch neue Schätze ans Tageslicht, beispielsweise die großartigen Mosaike aus dem 4.–6. Jahrhundert neben Sv. Pantelejmon, unweit des oberen Eingangs in die Festung. Bei einem Gang über die Wehrmauern liegt einem die ganze Stadt zu Füßen. Kaum zu glauben, dass die teilweise 16 Meter hohen Mauern aus der Zeit des Zaren Samuil vom Militär überwunden werden konnten.

Faszinierender Sonnenaufgang an der Westküste
Unsere Reise geht weiter an der Westküste des Sees entlang, doch die Zugänge zum Wasser sind rar. Nach langem Suchen finden wir vermutlich das einzige Fleckchen nach der Stadt Struga. Wie elektrisiert bin ich am nächsten Morgen, als meine verschlafenen Augen mit dem ersten Blinzeln aus dem Schlafzimmerfenster ein flammendes Rot über dem See erblicken. Von jetzt auf gleich bin ich hellwach, schnappe meine Kamera und drücke genau in dem Moment ab, als die Sonne als blutroter Ball über die Schneekuppen lugt. Dann kommt noch ein erstes Fischerboot und fährt durch den breiten Strahl, den die Sonne einem Pinselstrich gleich auf die Wasseroberfläche malt. Erst als die Szenerie die Standardfarbe angenommen hat, wagen wir ein kurzes Eintauchen im See.
Unser Abstecher nach Mazedonien endet damit. Wir wollen zurück nach Albanien – ein Land, von dem wir dachten, es sei unterentwickelt. Eines, von dem wir nicht wussten, ob wir länger als einen Tag bleiben können. Nun sind wir neugierig geworden, den nächsten Urlaub dort zu verbringen – und auf den zweiten Teil unserer Reise …

Tipp: Kloster Sveti Naum
Das historische Ensemble Sveti Naum wasserseitig fotografiert.

Das historische Ensemble Sveti Naum wasserseitig fotografiert.

Zwei Kilometer von der Grenze und rund 30 Kilometer von Ohrid entfernt steht am Ufer des Ohridsees auf mazedonischer Seite die Klosterkirche Sveti Naum. Das UNESCO-Welterbe aus dem 9. Jahrhundert lockt mit seiner Kreuzkirche aus roten Ziegelsteinen voller Fresken, die das Leben des heiligen Naum abbilden. Der Stifter des Klosters – Bulgariens Zar Boris I. – ist neben dem Eingang verewigt. Im Kloster befindet sich ein Restaurant. Geheimtipp: Es lohnt sich, das Kleinod bei einer Fahrt mit einem kleinen Motorboot zunächst vom See aus zu betrachten. Von dort bieten sich die besten Fotomotive auf das romanische Schmuckstück. Und wer Glück hat, bekommt sogar Pfaue zu Gesicht.

Seite 2 – Guide Albanien und Mazedonien mit Infos zur Anreise, besonderen Verkehrsbestimmungen, Campingplätzen, Wohnmobilstellplätzen und vielem mehr …

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