Städte-Tour – Mailand von Johannes Kühner
Tourist-Info
Via Marconi 1 · I-20123 Mailand
Tel. 0039(0)2-72524300
www.turismo.milano.it

Als die Sonne an diesem heißen Sommertag hinter rostroten Ziegeldächern untergeht, fühlt es sich auf dieser kleinen, mit Efeu bewachsenen Brücke vor der Kirche San Cristoforo so an wie in Venedig. Das Klirren von Geschirr dringt von den Kneipen heran, der Duft frischer Pasta mischt sich mit dem leicht modrigen Geruch stehenden Wassers. Einheimische und Urlauber schlendern über die schnurgerade Promenade vorbei an Häusern aus dem Mittelalter. Und wie ein Regenbogen spannt sich diese Fußgängerbrücke schmal wie ein Laufsteg über den Naviglio Grande – einen künstlich angelegten Kanal, der Mailand mit dem Meer verbindet.
Mit dem Meer? Ja, tatsächlich: Obwohl Italiens zweitgrößte Stadt meilenweit von jedwedem natürlichen Gewässer entfernt ist, hat Mailand seinen Wohlstand dem Wasser zu verdanken. Schon die Römer legten erste Kanäle an, und im Mittel­alter entstand der 50 Kilometer lange Naviglio Grande, der sein Wasser aus den Flüssen Ticino und Po speist – und somit eine Verbindung zur Adria hat. Einst diente er als Kanal zur Bewässerung angrenzender Landschaften und später als Transportweg, etwa für den Marmor zum Bau des berühmten Mailänder Doms.
Innerhalb der Stadt siedelten sich Arbeiter direkt am Kanal an, bis hinauf zum Hafenbecken Darsena, an dem der Navigilo Grande auf den Naviglio Pavese trifft. Zusammen mit dem Naviglio Martesana sind sie die letzten drei Überbleibsel aus einer Zeit, in der Mailand komplett von Kanälen durchzogen war.
Beinahe wären auch diese Kanäle noch zugeschüttet worden, aber private Initiativen und Vereine setzten sich für deren Erhalt ein. Zum Glück: In den Häusern der früheren Arbeiter und Handwerker sind heute Künstlerateliers, kleine Geschäfte und Restaurants zu finden. Von Juni bis September ist die Zone verkehrsberuhigt: Zwischen 20.00 und 2.00 Uhr stellen Gastronomiebetriebe ihre Tische und Stühle bis auf die Straße. Auch Einheimische strömen dann hierher und gönnen sich einen Aperitivo Milanese: Für rund sechs bis zehn Euro gibt es bis etwa 21.00 Uhr ein Getränk; dafür darf man sich so oft an einem Buffet bedienen, wie man möchte – eine Mailänder Besonderheit, die sich mittlerweile mindestens bis nach Rom verbreitet hat.
Veranstaltungen das ganze Jahr
Etwas eng am Ufer des Naviglio Grande wird es zu Floh- und Antikmärkten oder Straßenfesten. In der Viale Gabriele D’Annunzio etwa beginnt samstags um 9 Uhr ein Flohmarkt, am zweiten Mai-Wochenende zeigen mehr als 300 Künstler aus Italien ihre Werke am Naviglio Grande, und am ersten Sonntag im Juni verwandeln sich der Naviglio Grande und der Naviglio Pavese bei der Festa die Navigli in ein Gelände voller Verkaufsstände. Zur Expo 2015 (bis 31. Oktober) sind grüne und blaue Fahrrad­routen angelegt worden, die bis zum Ausstellungsgelände führen und ganz nebenbei von der Geschichte der Navigli erzählen (www.expo2015.org).
Doch es braucht gar kein großes Programm im Navigli-Viertel – eigentlich ist es auch ganz schön, wenn Ruhe einkehrt. Denn noch etwas macht den Reiz der Gegend aus: Es sind die Innenhöfe vieler Häuser, deren Wohnungen nur über Treppen und rundum laufende Balkone zugänglich sind – ein romantischer Anblick an einem Abend, der seinen Ausklang beim Sonnenuntergang auf einer Brücke vor der Kirche San Cristoforo finden kann.


In der Stadt
Mailand erhebt eine Maut innerhalb des Stadtmauerrings. Ein grundsätzliches Verbot gilt dort unter anderem für Fahrzeuge ab sieben Metern Länge. Alternative: die Park-and-Ride-Plätze des Transportunternehmens ATM (ein Parkleitsystem an den Hauptstraßen weist den Weg). In Mailand gibt es vier U-Bahn- und zehn Straßenbahn-Linien, zudem Busse. Wer eine Milano-Card für drei Tage besorgt, darf den Nahverkehr 48 Stunden lang kostenlos nutzen und kommt vergünstigt in einige Sehenswürdigkeiten. Wer lieber Fahrrad fährt, kann sich eines an BikeMi-Stationen ausleihen.
www.atm-mi.itwww.milanocard.itwww.bikemi.com


Rundgänge
Sie ist die älteste Straßenbahn der Stadt und verkehrt heute alle zehn Minuten zwischen den Hauptattraktionen der Innenstadt: Wer in die Tram N1 einsteigt, erlebt Mailand wie im Jahr 1929: Holz prägt das Interieur, Erläuterungen zu Sehenswürdigkeiten gibt es über Kopfhörer (auch auf Deutsch). Es besteht die Möglichkeit, an 20 Haltestellen auszusteigen, unter anderem am Dom, am Opernhaus Scala, am Castello Sforzesco oder am Parco Sempione. Alle zehn Minuten zwischen 8.00 und 00.00 Uhr kommt dann wieder eine neue Bahn vorbei – für eine nostalgische Variante der „Hop on – Hop off“-Stadtrundfahrt.
www.tramilano.com/?lang=de


Sehenswertes
Das von Zinnen gespickte Castello Sforzesco (Piazza Castello, 3) diente dem Kreml in Moskau als Vorbild und beheimatet mehrere Museen. Einen tollen Blick auf den Dom gibt es von einer Plattform auf der Galleria Vittorio Emanuele II (Piazza del Duomo). Die Galerie zu besichtigen, lohnt sich ebenfalls. Fruchtbarkeit soll es bringen, sich dort auf den Hoden eines Mosaik-Stiers zu drehen. Das Architekturprojekt Porta Nuova (Piazzale Principessa Clotilde) ist preisgekrönt für seine vertikalen Gärten „Bosco Verticale“ an zwei Hochhäusern.
www.milanocastello.itwww.highlinegalleria.comwww.porta-nuova.com


Expo 2015
„Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“ lautet das Motto der Expo 2015 in Mailand. Auf der Weltausstellung, die in sechs Monaten bis zum 31. Oktober geschätzte 20 Millionen Besucher haben wird, präsentieren sich mehr als 140 Länder mit ihren Konzepten für eine Zukunft mit gesundem und ausreichend viel Essen für alle. Jedes Land serviert seine beliebtesten Speisen. Der deutsche Pavillon beispielsweise zeigt, wie Knödel aus Brotresten gemacht werden. Insgesamt beschäftigt sich die Bundesrepublik in sechs Ausstellungsräumen mit nachhaltigem Wirtschaften: Woher kommen unsere Lebensmittel – und wie werden sie produziert?
www.expo2015.orgwww.expo2015-germany.de


Kirchen
Drittgrößte Kirche der Welt und die größte aus der Gotik –der Besuch des Mailänder Doms (Piazza del Duomo) ist ein Muss. Sehenswert sind dessen Glasfenster, und Besucher sollten unbedingt aufs Dach steigen oder das Dom-Museum besichtigen. Die Kirche Santa Maria delle Grazie (Piazza di Santa Maria delle Grazie) ist weltberühmt für ihr Fresko „Das Abendmahl“ von Leonardo da Vinci. Um es zu sehen, sollte man früh reservieren oder sich einer Bustour mit Besichtigung anschließen. Eine unbekannte Schönheit ist die Basilica Sant’Ambrogio (Piazza Sant‘Ambrogio, 15) mit filigranen Mosaiken.
www.duomomilano.itwww.legraziemilano.itwww.basilicasantambrogio.it


Museen
Zu den bekanntesten Opernhäusern der Welt zählt die Mailänder Scala (Via Filodrammatici, 2). Tickets sind begehrt; wer keine bekommt, besucht einfach das Scala-Museum, das von der Geschichte des Hauses erzählt und hinter die Kulissen führt. Mailand ohne Design? Unvorstellbar. Das Design-Museum Triennale di Milano (Viale Emilio Alemagna, 6) widmet sich auch den Arbeiten bekannter Gestalter aus Italien. Das Museo delle Culture, kurz Mudec (Via Tortona, 56), beschäftigt sich mit interdisziplinärer Forschung über die Kulturen dieser Welt – in Verbindung mit Mailand.
www.teatroallascala.orgwww.triennale.itwww.mudec.it


Restaurants
Es ist wie vor 40 Jahren: Die Gründerin des Al Matarel (Via Laura Solera Mantegazza, 2) steht immer noch jeden Tag selbst am Herd und stellt ihre Pasta in Handarbeit her. Auf der Speisekarte stehen Gerichte, die typisch sind für die Region Lombardey; wer die Spezialität Ossobuco probieren möchte, sollte es hier tun. Reisende mit Nachwuchs können in der Pizzeria (und Steakhouse) Grani & Braci (Via Carlo Farini) essen, während eine Kinderbetreuung sich um die Kleinen kümmert. Und jeder in Mailand kennt wohl die Pizzeria Spontini (Via Spontini 6). Dort gibt’s Pizza „al trancio“ (in Stücken) zu sehr günstigen Preisen.
www.graniebraci.itwww.pizzeriaspontini.it


Cafés und Bars
An einem langen Tisch wie in Skandinavien sitzen die Gäste im Upcycle (Via Andrea Maria Ampère, 59) nebeneinander und kommen rasch ins Gespräch. Zu essen gibt es in der ehemaligen Werkstatt-Halle selbstgemachte Kuchen (Empfehlung: Bavarese) und Speisen aus Skandinavien. Den in immer mehr Ländern bekannten „Dialog im Dunkeln“ gibt es auch in Mailand. Gäste lassen sich dabei im Institut für Blinde (Via Vivaio 7) entweder ein ganzes Dinner oder Wein und Cocktails servieren. Und die Bar Luce in der Fondazione Prada, entworfen von Regisseur Wes Anderson, versprüht mit Kunststoffmöbeln den Charme der 1950er-Jahre.
www.dialogonelbuio.orgwww.fondazioneprada.org/barluce


Einkaufen
Die Galleria Vittorio Emanuele II neben dem Dom ist Sehenswürdigkeit, Aussichtspunkt und Shoppingmeile zugleich – wenn auch voller Luxusgeschäfte, wie in der Via Montenapoleone. Nicht verkaufte Premium-Mode gibt’s in Factory Outlets mit satten Rabatten, etwa bei Outlet 2000 (Via Marghera, 24). Zur Expo 2015 hat der Mercato Metropolitano (Via Valenza 2) eröffnet. Noch ist ungewiss, ob dieser Bauernmarkt mit Kulturprogramm wie Kino und Kochkursen auch danach bestehen bleibt. Schöne Flohmärkte sind der Antik-Markt Mercatone del Naviglio Grande (Alzaia Naviglio Grande) jeden letzten Sonntag im Monat und der Fiera di Sinigaglia (Viale d‘Annunzio) jeden Samstagmorgen.
www.mercatometropolitano.it


In der Natur
Oasen der Ruhe in der zweitgrößten Stadt Italiens finden Besucher beim Schlendern zuhauf: Insgesamt 54 Parks gibt es in Mailand. Direkt hinter dem Castello Sforzesco liegt der Parco Sempione im Stil eines englischen Gartens mit Gewässern, Spielplätzen, Cafés und einem Meeresmuseum. Vom 106,8 Meter hohen Aussichtsturm Torre Branca eröffnete sich über den Park hinweg ein toller Blick auf Mailand. Als ältester Stadtpark darf sich der Giardini Pubblici Indro Montanelli an der Porta Venezia bezeichnen. Dort befinden sich auch das Planetarium und das Naturhistorische Museum. Tipp für Radfahrer: Die Strecke am Kanal Martesana entlang bis Bergamo führt durch eine pittoreske Landschaft mit vielen Bauernhöfen.


Kunst und Kultur
Der Zentralfriedhof Cimitero Monumentale (Piazzale del Cimitero Monumentale) erinnert mit seinen Statuen, Obelisken und Tempeln an ein Bildhauermuseum. Erst im Mai 2015 eröffnete die Fondazione Prada (Largo Isarco, 2) – ein Kunstmuseum mit Reproduktionen von Skulpturen und Installationen ab der Renaissance. In den ehemaligen Werkshallen von Pirelli wird im Hangar di Bicocca moderne Kunst ausgestellt. Zwei der wichtigsten Gemäldesammlungen Italiens: die Pinacoteca di Brera (Via Brera, 28) und die Pinacoteca Ambrosiana (Piazza Pio XI, 2).
www.fondazioneprada.orgwww.hangarbicocca.org
www.brera.beniculturali.itwww.ambrosiana.eu


Mit Kindern
Anfassen erlaubt: Im Museo dei Bambini oder kurz Muba (Via Enrico Besana, 12) erfühlen Kinder ihre Umwelt in interaktiven Ausstellungen. Noch spannender ist das Museo Nazionale della Scienza e della Tecnologia Leonardo da Vinci (Via San Vittore, 21) mit 13 Versuchsräumen und Experimenten mit Publikumsbeteiligung. Auch hier gilt: Ausstellungsstücke sind zum Ausprobieren. Im Parco Sempione finden Eltern mehrere Spielplätze – und im Park Giardini Pubblici Indro Montanelli das Planetarium (Corso Venezia, 57): eine der ersten und größten Sternforschungseinrichtungen Italiens: Die Kuppel ist 20 Meter breit.
www.muba.itwww.museoscienza.org


Spezialitäten 
„Nach Mailänder Art“ – dieser Zusatz schmückt viele Gerichte, die es auch anderswo gibt, die aber in Mailand eine spezielle Note bekommen. „Risotto alla Milanese“ etwa beschreibt klassisches Risotto – aber mit Safranfäden und mit in Rinderknochenmark angeschwitzten Zwiebeln. Dazu gibt es häufig Ossobuco alla Milanese: Kalbshachse, die mit Mehl und Butter angebraten wird und in Weißwein oder Fleischbrühe schmort. Im Winter verbreitet: Cassoeula. Hauptbestandteil sind eher minderwertige Teile vom Schwein, die mehrere Stunden mit Zwiebeln, Karotten und Sellerie kochen und mit Kraut ergänzt werden. Wer einen Wein aus der Lombardei mitnehmen möchte, sollte auf das Zertifikat DOCG achten.


Sportstätten 
Die Mailänder sind gleich doppelt verrückt nach Fußball – dank der Stadtrivalen AC und Inter Mailand. Beide Teams spielen im Stadion San Siro – auch bekannt als Giuseppe-Meazza-Stadion (Piazzale Angelo Moratti). Es gibt ein Museum, aber besonders beeindruckend ist ein Stadionrundgang in Italiens größter Arena – oder man schaut sich ein Live-Spiel an! Wer kein Interesse an Fußball hat, findet direkt neben dem Stadion die Pferderennbahn – das Hippodrome (Piazzale Angelo Moratti). Seit 1999 steht davor eine Pferdestatue von Leonardo da Vinci (Piazzale Dello Sport, 6) – geplant als größtes Reiterstandbild der Welt.
www.sansiro.netwww.ippodromomilano.it


Umgebung
Die mittelalterliche Stadt Bergamo 60 Kilometer nordöstlich von Mailand ist unterteilt in eine Ober- und Unterstadt. Die Oberstadt steht unter Denkmalschutz und ist umringt von einer fünf Kilometer langen Stadtmauer. Sehenswert: Der Dom und die Cappella Colleoni. Lust auf einen Abstecher ans Wasser? Der Comer See ist nur 45 Kilometer entfernt, in der Stadt Como lohnt ein Besuch des Doms und des Stadtkerns. Die Region Cinque Terre an der Riviera ist als Nationalpark geschützt und zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Grund sind seine fünf Dörfer an steilen Felsen. Wer Formel 1 schaut, kennt sicher: Rennstrecke von Monza 25 Kilometer nördlich von Mailand.


Fazit
Eine Großstadt ohne Zugang zum Wasser? Undenkbar! Auch Mailand wäre ohne seine Kanäle – die Navigli – wohl kaum zur Mode- und heimlichen Hauptstadt Italiens erblüht. Selbst der Bau des weltberühmten Doms wäre ohne die Navigli eine schwierigere Angelegenheit gewesen. Im Jahr der Expo 2015 präsentiert sich Mailand nun aber als Metrople mit Renaissance-Charme sowie Arbeiter-Atmosphäre einerseits und Stilbewusstsein andererseits – nicht nur in der Mode. Ob auf der Durchfahrt nach Süditalien oder als Basis für Ausflüge ins Umland: Mailand ist – nicht nur zur Expo 2015 – eine Reise wert.

Reisemobil-Stellplätze | Campingplätze
Agriturismo Cascina Gaggioli
Via Selvanesco 25 · I-20141 Mailand
GPS: 45°25‘07.8“N / 9°11‘49.1“O
Bauernhof mit Platz für vier Wohnmobile. Ausgestattet mit Toilette, Trinkwasser und Strom. 20 Euro für eine Nacht, danach 15 Euro; nur für Kurzzeitaufenthalte gedacht.
Infos: www.cascinagaggioli.it


Stellplatz Rho
Via Lainate 94 · I-20017 Rho
GPS: 45°32‘32.9“N / 9°01‘60.0“O
Für die Expo 2015 eingerichteter Stellplatz (40 Plätze) sechs Kilometer vom Expo-Gelände entfernt. Stromversorgung teils vorhanden, Shuttle zur Expo möglich.
Infos: www.areacamperexpo.it

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