Das Land, wo Eis und Lava fließen – Island (Seite 1 von 2) von Johannes Kühner
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Sie schauen, als hätten sie etwas ausgeheckt: Eine schwarze Linie, wie ein Lidstrich, verengt ihre Augen zu einem schelmischen Blick. Doch die Papageientaucher hecken nichts aus – nein, sie brüten nur. Neun Monate haben sie im Polarmeer verbracht. Nun sind sie zurückgekehrt und legen auf den Felsen um Island ihre Eier. Hier am Hafen von Borgarfjörður eystri sind sie zum Greifen nah und lassen sich wohlwollend begaffen – in einer Umgebung, in der, so heißt es, Elfen zuhause sein sollen.
Dieser erste Halt auf unserer Rundreise über die Ringstraße um die gesamte Insel gibt einen Eindruck, was wir von Island erwarten dürfen: eine vielfältige Tierwelt und eine begeisternde Landschaft. Schon bei der Einfahrt der Fähre in Seyðisfjörður – ganz im Osten Islands – erhoben sich links und rechts des Schiffs imposante vulkanische Felsformationen, glitzerte kristallklares Wasser in der überraschend sonnigen Witterung. Und doch wird sich auf unserer Reise auch zeigen, welch starke Kräfte an dieser Insel reißen – im wahrsten Sinne.

Ausritt im Nordosten
Wir kommen von Seyðisfjörður auf die rund 1.300 Kilometer lange Ringstraße bei Egilsstaðir, fahren diese entgegen des Uhrzeigersinns und verlassen sie bald in Richtung Húsey. Am Ende einer Schotterpiste erreichen wir ein Tor und wenige Minuten später einen Bauernhof. Wir öffnen die Tür der Rezeption und erleben eine erste typische Eigenart der Isländer: Wer ein Haus betritt, zieht direkt hinter der Tür seine Schuhe aus. Wie in einem Wohnzimmer fühlen wir uns in diesem mit Sofas und einem Kamin ausgestatteten Vorraum. Dort begrüßt uns der Bauer – Örn – mit deutschen Worten, ehe uns seine Frau zu den Ställen schickt.
Denn wenn wir schon in Island sind, wollen wir natürlich auf einem Island-Pferd reiten – der einzigen Pferderasse auf der ganzen Insel. Eine kurze Einweisung genügt, und wir schwingen uns auf den Sattel, um hinauszureiten in flaches Land, das in Meeresnähe nach Thymian duftet und uns den Anblick von Ottern im Wasser beschert. Auch hier brüten Vögel, und um ihren Nachwuchs zu schützen, schweben sie im Sturzflug haarscharf über unsere behelmten Köpfe hinweg. Doch uns werde nichts passieren, versichert unsere Begleiterin aus Celle, die den Sommer auf dem Hof verbringt, und sie behält Recht.

Mývatn – Mückensee
Am nächsten Tag erleben wir zum ersten Mal die Kraft der Erde – mit allen Sinnen: Nach einer Fahrt durchs Gebirge, vorbei an Landschaften mit kühlen Farben – brauner Erde, weißem Eis und grau-schwarzen Felsen – gelangen wir kurz vor dem viertgrößten isländischen See Mývatn an die Solfataren von Hverarönd am Pass Námaskarð: Aus mehreren Erdlöchern zischen Gase hervor, in einem blauen Schlammloch blubbert es, der Boden schimmert surreal braun-gelb – und in der Luft liegt der bestialische Gestank faulender Eier. Die Schwefelgase sind immerwährende Anzeichen von Vulkanismus. Denn nur eine Stichstraße entfernt geht es zum Krafla, einem der weltweit aktivsten Vulkane. In seinem Krater haben sich hellblaues Wasser und Eis gesammelt. Doch der ruhige Schein trügt: Seismologen erkennen Anzeichen baldiger Aktivität.
Bis an den mückenreichen Mývatn hinunter ist zu sehen, welche Kraft die Natur dann entwickeln kann. Nicht nur der wunderschöne See wurde durch Lava geformt – sondern auch die unwirklich erscheinenden Lava-Felsen Dimmuborgir.

Blauwale bei Húsavík
Wir verlassen erneut die Ringstraße, weil wir ins 60 Kilometer vom See entfernte Húsavík fahren wollen. Denn ein Naturschauspiel naht: die Mitternachtssonne, die am 21. Juni zu keinem Zeitpunkt den Horizont unterschreiten wird. Auf einer Anhöhe hinter dem Ort haben wir auch zwei Tage vorher schon einen faszinierenden Blick auf das Geschehen. Zwar versperrt nach und nach dichter Nebel den Blick auf die Sonne, die in flachem Bogen über den Horizont streift, ohne ganz unterzugehen. Imposant ist der Anblick aber dennoch.
Eigentlich sind wir aber hier, um Wale zu sehen. Zwei Anbieter gibt es in Húsavík. Auf einer Beschreibung am Eingang sehen wir, dass sich momentan Blauwale in der Bucht befinden. Zunächst tut sich auf dem Schiff jedoch: nichts. Als es fast so aussieht, als müssten wir erfolglos zurückfahren, schießt in der Ferne eine Wassersäule aus dem Wasser – an die zwölf Meter hoch. Ein Zeichen für einen Blauwal, der zum Luftholen aufgetaucht und anschließend für acht bis zehn Minuten wieder abgetaucht ist. Wenig später: drei Wassersäulen! Drei Blauwale, darunter eine Mutter mit ihrem Kalb! Wieder tauchen sie auf, eine Flosse pflügt durch das Wasser, dann der Rücken – und obwohl wir nur etwa ein Drittel der bis zu 37 Meter langen Säugetiere zu sehen bekommen: Dass sich da gerade die größten Lebewesen der Welt neben uns befinden, erzeugt nicht nur bei Wal-Liebhabern eine Gänsehaut!
Unser nächster Halt ist nur Zwischenstation auf dem Weg nach Westen: Akureyri – Islands zweitgrößte Stadt mit der weithin sichtbaren Kirche Akureyrar­kirkja am Ende einer langen Treppe, dem nördlichsten botanischen Garten der Welt, historischen Fertighäusern im Chalet-Stil und Anlegestelle für Kreuzfahrtschiffe am Ende von Islands längstem Fjord. Viel mehr gibt es hier nicht; mehr Fischerort-Idylle und Station für die Durchreise, weniger ein Ort zum längeren Verweilen.

Der Wasserfall der Götter
Anders sieht es mit dem Goðafoss aus – dem Wasserfall der Götter, an dem wir auf der Fahrt nach Akureyri vorbeikommen. Im Laufe unserer Reise werden wir noch weit imposantere Wasserfälle zu sehen bekommen; dieser hier ist aber ein guter Anfang: Über einen breiten Steg fällt das Wasser in die Tiefe, verwandelt sich zu einem rauschenden Fluss und strömt in der Ferne unter einer Brücke hindurch. Wir bleiben eine Weile und finden dann einen Geheimtipp im Souvenirladen an der Brücke: In einem Hinterraum verkaufen Frauen aus der Region ihre selbstgestrickte original isländische Kleidung. Die Preise mögen auf den ersten Blick hoch erscheinen, angesichts der besonderen Schafwolle sind sie ihren Preis aber wert und im Landesvergleich sogar günstig.
Auch der Tag nach unserem Aufenthalt in Akureyri beschert uns vor allem einige Stunden gemächlichen Fahrens über Asphaltstraßen und Schotterpisten. Manche sind so klein, dass man den Eindruck bekommen könnte, falsch abgebogen zu sein. Kilometerweit geht es so voran, ohne Gegenverkehr. Aber dann ist das Ende der Straße erreicht: an der Halbinsel Snæfellsnes. Es ist bereits Abend, zugleich jedoch der längste Tag des Jahres. Deshalb wollen wir die Zeit bis Mitternacht nutzen und machen uns auf in ein Gebiet, das wie Island in Kompaktform sein soll.
Und tatsächlich: Im gelben Licht der Abendsonne erheben sich rechts von uns mal schroffe, mal grasbewachsene Felsen. In einer Siedlung rechts der Straße, direkt hinter einem Bauernhof, könnten wir für drei Euro in einer heißen Quelle baden – doch das Freibad ist zu dieser Uhrzeit, trotz der Helligkeit, natürlich geschlossen. Wir fahren weiter, und plötzlich klaffen unsere Münder auf: Ein schmaler Wasserstrom ergießt sich als Wasserfall über eine Felskante, ein Bauernhaus im Vordergrund verwandelt den Anblick in ein Gemälde. Wir sind nicht die einzigen, die auf einen Feldweg abbiegen, um Fotos zu machen.

Gletscher Snæfellsjökull
Und dann geht es zum Mittelpunkt der Erde – zumindest ist das so in Jules Vernes gleichnamigen Roman, in dem sich der Zugang zum Erdkern am Gletscher Snæfellsjökull am Ende der Halbinsel befindet. Wir finden keinen Zugang – aber genießen die herrliche Aussicht.
Da es zwar nicht dunkel, aber dennoch immer später wird, kürzen wir ab über einen Hügel und geraten – nicht zum ersten Mal – in dichten Nebel. Auf der anderen Seite bricht die undurchdringliche Suppe wieder auf und gibt der Landschaft im Zusammenspiel mit der tiefstehenden Sonne etwas Mystisches. Als wir den Berg Kirkjufell erreichen, steht die Sonne gerade so perfekt dahinter, dass der Bilderbuch-Felsen in einen Lichtkranz getaucht ist, als hätte er einen Heiligenschein.
Als hätten wir noch nicht genug Gletscher gesehen, brechen wir am nächsten Morgen auf zum Langjökull, Europas zweitgrößter Eiskappe. Erst im Juni hat dort eine neue Touristenattraktion eröffnet: ein 500 Meter langer Tunnel in den Gletscher. Es geht bis zu 30 Meter unter die Eisschicht, Fotos im Internet sehen atemberaubend aus – und ebenso atemberaubend ist der Preis von 120 Euro. Das ist selbst für Islands hohes Preisniveau happig – und das Geld nicht wert. In einem umgebauten Raketenträger der deutschen Bundeswehr geht es hinauf zur Spitze, dann zu Fuß durch einen Tunnel ins Eis. Doch der Rest ist vor allem gute Inszenierung: Blaues Schimmern kommt von blauen Lampen, in einer Kathedrale stehen Eisbänke wie in einer Kirche. An einer Stelle ist der Blick entlang einer Gletscherspalte in großer Tiefe möglich, schwarze Spuren im Eis sind Zeugen vergangener Vulkanausbrüche – auch des Eyjafjallajökull. Aber letztlich handelt es sich eben doch nur um Eis, das wie ein Bühnenbild gut arrangiert ist.

Baden in der Blauen Lagune
Nach dieser Enttäuschung wollen wir uns eine viel ältere Touristenattraktion gönnen: die Blaue Lagune, nicht allzu weit entfernt von der Hauptstadt Reykjavík (siehe Tipp auf Seite 42) im Südwesten Islands. Jedes Jahr kommen 400.000 Besucher dorthin. Eine Reservierung wird empfohlen, weil nie zu viele Gäste auf einmal ins Bad dürfen. Da wir jedoch erst am Abend eintreffen und erwarten, dass viele Besucher zu normalen Tageszeiten kommen, verzichten wir darauf. Und tatsächlich vergehen nicht einmal 30 Minuten, bis wir das Thermalbad betreten können. Das hüfttiefe weiß-blaue Wasser, von der Erde erwärmt, umschmeichelt unsere Körper. Wir schmieren uns Kieselerde ins Gesicht und lehnen uns wie weiße Gespenster an die Felsen, lassen uns von einem warmen Wasserfall berieseln oder blicken durch ein Glasfenster aus der Sauna hinaus aufs Wasser. Dass wir hier an Islands meistbesuchter Sehenswürdigkeit sind – es fällt angesichts der späten Stunde und der guten Einlass-Organisation nicht auf. Völlig entspannt verlassen wir bei Tageslicht um 22 Uhr das Bad.
Weiter geht’s am nächsten Morgen auf den Golden Circle – eine 240 Kilometer lange Rundstrecke, die mehrere Höhepunkte des Landes miteinander verbindet. Wir beschränken uns auf den oberen Teil. Erstes Ziel: der Þingvellir Nationalpark. Eine sieben Kilometer breite Schlucht zieht sich dort an einer Aussichtsplattform entlang. Doch es ist nicht irgendeine Schlucht – sondern das Produkt zweier auseinander driftenden Erdplatten. Bei jedem Erdbeben vergrößert sie sich, letztmals vor 225 Jahren, als das Tal um 50 Zentimeter absank. Über einen Fußweg kann man den Graben betreten und ist zugleich auf historischem Gebiet und Unesco-Kulturerbe: An diesem Ort rief Island seine Unabhängigkeit aus.
Am nächsten Halt wird es nass – wenn man nicht aufpasst: Unzählige Menschen richten ihre Kameras auf ein wassergefülltes natürliches Bassin, gebannt, als würde bald etwas geschehen. Und tatsächlich: Plötzlich wölbt sich die Wasseroberfläche nach oben, und einen Sekundenbruchteil später katapultiert freigesetztes Gas das Wasser des Strokkur bis zu 35 Meter in die Luft. Das geschieht alle acht bis zehn Minuten. Als „Geysir“ sind diese Sehenswürdigkeiten weltweit bekannt, das Original befindet sich nur wenige Meter neben dem Strokkur, ist jedoch nur noch gelegentlich aktiv.

Goldener Abschluss
Punkt drei auf unserer Route auf dem Golden Circle ist – wieder – ein Wasserfall, der – wieder – als einer der schönsten Islands gilt. Dieser hier – der Gullfoss – fällt über zwei gegeneinander versetzte Stufen insgesamt 32 Meter tief und verengt sich zu einer schmalen Schlucht. Selbst bei Tageslicht sammelt sich darin eine Gischt, die wie Nebel zwischen den Felswänden wabert – und einen Regenbogen nach dem anderen erzeugt. Beinahe wäre es dem Wasserfall an den Kragen gegangen: Dort sollte ein Kraftwerk entstehen. Erst ein Bauer und später seine Tochter – sie drohte, sich in die Fluten zu stürzen – verhinderten den Bau. Heute steht der Wasserfall unter Naturschutz.
Ganz Island hätte das verdient. Denn egal, wo wir hinkommen: So schnell wie das Wetter ändert sich auch unsere Umgebung. Gerade noch spazieren wir über moosbewachsene Bergflanken ganz in der Nähe des Eyafjallajökull in Þórsmörk (siehe Tipp), da fahren wir als nächstes durch eine karge Landschaft, in der schwarze, scharfkantige Lavaformationen den Boden zerklüften – und dann kommen wir auch schon an drei Orte kurz nacheinander, die Islands englischen Namen – Eisland – zu erklären scheinen: an die Gletscher Skaftafell, Fjallsárlón und – besonders beeindruckend – den Jökulsarlon. Kristallklar schimmert das Wasser im Licht der untergehenden Sonne, Eisberge treiben über die Wasseroberfläche und strahlen hellblau im Gegenlicht, ab und zu piept ein Vogel.
Wir verweilen besonders lange hier, als würden wir festfrieren an diesem Ort. Doch eigentlich wollen wir diesen Moment nur in uns einsaugen. Denn am nächsten Tag werden wir nur noch durch ein paar wenig bewohnte Fischerdörfer kommen, den Ozean rechts von uns neben der Ringstraße sehen und wieder abbiegen nach Seyðisfjörður, zur Fähre. Noch ist es nicht so weit, und so bleibt uns an diesem Ort ein letzter Abend, um unsere Reise revue passieren zu lassen. Und unsere Erinnerungen beim Blick auf die Eislandschaft in unserem Gedächtnis – sprichwörtlich – einzufrieren.

Tipp: Reykjavík
Der erste Eindruck Reykjavíks, vom kostenlosen Aussichtspunkt des Warmwasserspeichers Perlan: klein, voller weißer Plattenbauten und Wellblechhäuser. Doch die Stadt ist eingebettet in wunderschöne Natur. Bei klarem Wetter reicht der Blick bis zum 120 Kilometer entfernten Gletscher Snæfellsjökull. Zentrum der Innenstadt bildet die Hallgrímskirka: Die Kirche ist eines der Wahrzeichen der Stadt, inklusive Aussichtsplattform, die allerdings kostenpflichtig ist. Darüber hinaus lohnt sich ein Spaziergang zum Alten Hafen mit seinem neuen vollständig verglasten Opernhaus, zum Volcano House (lehrreich), zum Platz Austurvöllur oder – etwas vulgär – ins Penismuseum Reðasafnið.
Tipp: Þórsmörk und Umgebung
Rund um den Vulkan Eyafjallajöküll liegt die wunderschöne Landschaft Þórsmörk. Den Anfang bildet der Wasserfall Seljalandsfoss, der über einen weit nach vorne ragenden Felsvorsprung fließt, sodass man über einen Weg hinter den Wassermassen entlanggehen kann. Ansonsten sind Wanderfreunden keine Grenzen gesetzt (höchstens fehlender Allradantrieb, um an alle Ausgangspunkte für Tagestouren zu gelangen). Wir entscheiden uns für eine Wanderung in die schmale Schlucht Nauthúsagil im Katla-Geopark und auf den dahinter stehenden Berg. Hätten wir mehr Zeit, dann würden wir, am 60 Meter hohen spektakulären Skógafoss-Wasserfall beginnend, am Fluss Skóga entlang 23 Kilometer weit durch die sagenhafte Berglandschaft gehen – direkt vorbei am Eyafjallajöküll.

Seite 2 – Guide Island mit Infos zur Anreise, besonderen Verkehrsbestimmungen, Campingplätzen, Wohnmobilstellplätzen und vielem mehr …

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