Grüne Insel mit Tradition – Irland (Seite 1 von 2) von Volker Hammermeister
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Die kleine Mary ist selig. Ihr Reich ist eine Pfütze in der grünen Wiese. Gerade noch ging aus dem Nichts ein Regenschauer nieder, dann blitzt die Sonne aus einem blauen Wolkenloch. Wie alle irischen Kinder auf dem Campingplatz flitzt auch Mary sofort raus aus dem Camper an die frische Luft. Mit ihren Stiefelchen landet der Dreikäsehoch nach vorsichtigen Versuchen schließlich mitten in der Pfütze. „Get out“, ruft der Papa aus der Ferne. Mary folgt, aber nur kurz. Wie ein Magnet zieht sie die Pfütze wieder an. Schließlich schwappt das Wasser in die Stiefel. Jetzt ist es auch schon egal. Das „out“ hört sie nicht mehr. Erst die Mama beendet das Spiel, die von der Dusche kommt. Für ihren Mann hat sie nur ein Kopfschütteln.
Es scheint, als könnten einige Iren nicht genug bekommen von dem frischen Nass. Auf jeden Fall ist ihnen der Regen völlig egal. Und Sommer heißt eben Sommer, also kurze Hosen und T-Shirt, auch wenn die Temperaturen an Regentagen kaum über 15 Grad klettern. Aber natürlich hat die Insel mehr zu bieten, etwa spektakuläre Landschaften und einsame Strände.
Auf jeden Fall kurbeln jetzt die Touristen die Wirtschaft an. Denn bestimmte Regionen werden von den Urlaubern regelrecht überrannt, etwa im Süden der Ring of Kerry. Dort müssen die Reisebusse im Sommer die Route gegen den Uhrzeigersinn unter die Räder nehmen, weil es die Breite der Landstraße kaum zulässt, dass sich zwei Fahrzeuge von gleichem Kaliber aneinander vorbeidrücken. Dagegen ist es im Norden der Republik vergleichsweise ruhig, etwa am Malin Head in Donegal. Der Grund ist die politische Teilung Irlands im Jahr 1921. Die letzte britische Kolonie hat den nordwestlichen Zipfel der Republik bis auf einen schmalen Bypass quasi abgeschnitten. Dabei lässt sich Nordirland inzwischen ohne Grenzkontrollen fast unbemerkt passieren. Nur die Geschwindigkeitslimits werden plötzlich in Meilen und die Preise an den Tankstellen in Pfund Sterling deklariert. Die Republik hat daher 2014 mit einer gewaltigen Marketingoffensive den „Wild Atlantic Way“ ins Leben gerufen, eine der längsten ausgeschilderten Küstenrouten der Welt. Über 2.600 Kilometer lang weisen 3.850 Tafeln mit dem hellblauen gezackten Logo den Weg auf kleinen und kleinsten Straßen an der Westküste. Allein die Beschilderung hat über 3,5 Millionen Euro gekostet. Und es ist erst der Auftakt. Straßen erhalten neue Beläge, Infokästen klären über die jeweiligen Besonderheiten auf. Besuchertoiletten sollen folgen. Die Route führt von Kinsale über die Counties Cork, Kerry, Limerick, Clare, Galway, Mayo, Sligo und Leitrim bis auf die Inishowen-Halbinsel im County Donegal. Das Ziel ist klar: Die Touristen sollen die nördlichen Landschaften der Republik entdecken. Kaum einer wird es schaffen, den gesamten Kurs abzufahren. Abkürzungen sind erlaubt. Teilweise führt der Wild Atlantic Way über engste Straßen, dass unser Teilintegrierter mit seinen Seitenspiegeln die Hecken rasiert. Wohlgemerkt auf beiden Seiten! Die Fahrschulmaxime für den Bremsweg, „halber Tacho in Metern“, hat hier wirklich ihren Sinn. Hinter jeder Kurve kann ein Fahrzeug gleicher Größe auftauchen. An übersichtlichen Strecken hat die Bergfahrt den Vorrang. Das entgegenkommende Auto wartet an den zahlreichen Ausweichstellen. Sonst hilft nur anhalten und rückwärts rangieren. Sind die Straßen breiter, donnert der Gegenverkehr unbeeindruckt durch, ohne den Fuß vom Gas zu nehmen; auch die Lkw. Das ist gewöhnungsbedürftig und stresst mehr als der Linksverkehr. Zumal viele kleine Straßen mit Markierungsnägeln in der Fahrbahnmitte und am Rand ausgestattet sind. Wer dann hinten an seinem Camper eine verbreiterte Achse hat, bekommt gleich einen „doppelten Rappel“. Kurzum, Durchschnittsgeschwindigkeiten wie in Deutschland sind auf kleineren Straßen eine Illusion. Mit 20 bis 40 Kilometer die Stunde lässt sich planen. Bestimmte Fahrzeugkategorien sind außen vor, Vans und Kastenwagen ideal. Größere Fahrzeuge wie Liner und Gespanne sollten auf den Hauptrouten bleiben und den Wild Atlantic Way teils mit dem (Miet-) Wagen, Beiboot oder Motorroller erkunden.

Piraten im County Mayo
Die kleine Mary hat noch Programm. Der Campingplatz Westport House im County Mayo ist nur Teil einer großen Freizeitanlage mit dem Thema „Piraten“. Denn ursprünglich beherrschte von hier aus Gráinne Ní Mháille, die irische „Pirate Queen“, das Meer um Mayo. Die jetzigen Besitzer und Nachfahren öffneten 1960 das Herrenhaus und Anwesen für die Öffentlichkeit. Die Alternative wäre der Verkauf der Immobilie gewesen. Aber so baute die Browne-Familie systematisch die Attraktivität aus: von der Wildwasserrutsche über die Go-Kart-Arena bis zu den Schwanen-Tretbooten. Inzwischen kommen über fünf Millionen Besucher jährlich.
Irland ist kein Land für Sandalen, auch nicht im Sommer. Abseits der Straße ist die Erde weich wie ein nasser Schwamm. Gut, wer wie Mary in Gummistiefeln spaziert. Denn Tausende von Schafen stutzen jede Vegetation auf Bisslänge und düngen umgehend den Boden. Nur geschützte Bäume oder garstige Sträucher bleiben verschont. Die Vierbeiner gedeihen dagegen prächtig. Wandelnde Statussymbole ihrer Besitzer. Die Wolle zählt zum Besten, was weltweit gekauft werden kann. Und das Fleisch ist berühmt für seine zarte Würze, die den wild wachsenden Kräutern zu verdanken ist.
Vier Lammkoteletts kosten im Supermarkt rund sechs Euro und eignen sich hervorragend für den Campinggrill. Das Fleisch ist fetthaltig und verzeiht gnädig Fehler beim Grillen, etwa wenn die Temperatur zu hoch ist oder bei einem Guinness die Zeit in Vergessenheit gerät. Besser ist aber der Einkauf beim Metzger. Dort ist das Fleisch vielleicht 30 Prozent teurer, aber, wer Glück hat, macht besondere Erfahrungen, etwa bei den McGraths Butchers in Lismore, County Waterford.

Handwerkstradition
Die Familie ist seit 500 Jahren im Geschäft und seit 120 Jahren vor Ort. Schon der urige Laden erzählt vom Stolz des Handwerks, das jetzt Michael und sein Sohn John ausüben. Umringt von Galerien mit Fleischerhaken steht in der Mitte ein wuchtiger Hackklotz, der im Laufe der Jahre wie eine alte Treppenstufe mittig immer dünner wurde. John schneidet jetzt nur noch am Rand, und als er das Interesse des Urlaubers spürt, führt er ihn auch nach hinten in die Kühlräume der Schlachterei. Dort hängt der Nachschub, frisch geschlachtet um sieben Uhr am Morgen. Die Iren haben ein besonderes Verhältnis zur Kartoffel, die vor allem im Norden der Insel wächst. Die Liebe zur Erdknolle hatte in der Vergangenheit jedoch dramatische Folgen. Da die Insel seit 1541 komplett unter englischer Herrschaft stand, durften die Bauern kein eigenes Land besitzen. Was sie als Pächter mit Getreide und Vieh erwirtschafteten, ging zum großen Teil an die Großgrundbesitzer.
Wer Einblick in diese vergangene Welt erhalten möchte, sollte die Glencolmcille Folk Village, County Donegal, besuchen. Dieses kleine Freilichtmuseum hat Father James Mc Dyer 1967 errichtet. Es wird jetzt von den Dorfbewohnern ehrenamtlich betrieben. Die Häuser sind Nachbauten alter irischer Cottages aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert. Sie sind mit Originalmöbeln, Werkzeugen und Haushaltsgegenständen ausgestattet, vielleicht ein bisschen zu üppig. Aber sie vermitteln ein gutes Gefühl vom kargen Leben der kleinen Leute. So hatte die Hütte des Fischers noch nicht einmal einen Kamin, sondern nur eine Feuerstelle und ein Loch im Dach. Wer jetzt fröstelt, sollte in den Tearoom des Museums einkehren. Dort gibt es unter anderem eine herrliche Tagessuppe nach bester hausfraulicher Art.

Auswanderungswelle
Von diesen verfeinerten Genüssen war der Speiseplan der historischen Landbevölkerung weit entfernt. So entwickelte sich die Kartoffel zum Grundnahrungsmittel, bis Missernten zwischen 1845 und 1852 und die folgende große Hungersnot (engl. „Famine“) für rund eine Million Todesopfer sorgte. Rund zwei Millionen Menschen versuchten ihr Glück in Kanada, Australien, den USA und den Industriezentren Englands. Die Großgrundbesitzer ließen keine Gnade walten, im Gegenteil steigerten sie in diesen Jahren sogar die Exportquote von Getreide. Das wollen die Iren bis heute nicht vergessen und ist sicherlich einer der Gründe für die Konflikte in Nordirland. Außerdem sind im Norden die Böden besonders fruchtbar, was zum Teil auch die britischen Begehrlichkeiten erklärt. Ganze Dörfer verwaisten während der Hungersnot. Besonders bedrückend ist die Deserted Village auf Achill Island im Süden: 100 verlassene Steinhäuser auf den Ausläufern des 671 Meter hohen Slievemore. Heinrich Böll schrieb in seinem Irischen Tagebuch von einem „Skelett einer menschlichen Siedlung“. Der Schriftsteller wohnte in unmittelbarer Nachbarschaft eine Zeitlang auf der Insel.
Heutzutage ist die Versorgungslage auf der Insel gesichert. Auf dem Land sind die Supermärkte oft an Tankstellen mit besonders günstigen Spritpreisen angeschlossen. Dort gibt es in der Regel auch kleinere Diner mit allem, was die Fritteuse hergibt. Dagegen ist ein Coffee House die bessere Wahl für ein einfaches Essen, zum Beispiel Lasagne des Tages mit Salat für elf Euro. Auch „Fish ‘n Chips“ hat es zum gleichen Preis zum Nationalgericht geschafft. Es wird allerdings kaum noch in dämpfigen Frittenbuden verkauft. Das Gericht findet sich jetzt in den Hotels und Restaurants auf der Speisekarte. Üblicherweise kommt Haddock (Schellfisch) auf den Tisch, was in Anbetracht der Vielfalt in den Meeren einer Ignoranz gleichkommt. Nur ganz selten wird eine Auswahl angeboten, etwa in Melly’s Café in Killybegs. Kein Wunder, im Hafen ankern die großen Pötte der produktivsten Fischfangflotte Irlands.
Die Folgen der englischen Besatzung sind bis heute zu spüren, beispielsweise wurden viele gälische Ortsnamen einfach lautmalerisch in die Sprache der Herrschaft übersetzt. Diese Bezeichnungen haben oft keinen Sinn, weshalb es starke Bestrebungen gibt, überall wieder die ursprünglichen gälischen Orts- und Landschaftsnamen einzuführen.

Gesellige Pubs
Touristen, die nicht aus England kommen, können diese unterschwelligen Ressentiments ziemlich egal sein. Die Iren sind ausgesprochen warmherzig und offen. Beim einsamen Pint am fremden Tresen bleibt der Gast aus der Ferne nicht lange allein. Alles andere wäre auch ein Wunder, denn das Pub ist der zentrale Kommunikationsort in jedem Flecken, erste recht auf dem Land wie in Glencar, County Kerry. Der Ort zu Füßen von Irlands höchstem Gebirge, den Mcgillycuddy‘s Reeks, besteht eigentlich nur aus einzelnen Gehöften, die oft meilenweit auseinander liegen.
Wildes Übernachten im Reisemobil ist in Irland verboten, aus Angst vor dem fahrenden Volk, den Travellern. Früher hießen sie abfällig „Tinker“. Der Ausdruck leitet sich vom englischen „Tinplate“ für verzinntes Eisenblech ab und ist ein Hinweis auf den traditionellen Erwerb der Traveller. Sie waren Kesselflicker. In der Folge der Sorgen hat praktisch jeder schöne Parkplatz eine Höhenbarriere. Nur, wer den Landbesitzer um Erlaubnis fragt, darf auf privatem Gelände die Nacht verbringen. Die Alternative sind Campingplätze. Doch selbst preisgekrönte Anlagen bieten nicht den Komfort, den man vom Kontinent her gewöhnt ist. Das betrifft weniger die Parzellen, die häufig sehr schön und witterungsgerecht angelegt sind. Aber Einzel-Waschkabinen etwa sind völlig unbekannt, erst recht Miet-Badezimmer, auch Angebote wie eigene Restaurants, Sauna oder Hallenbäder.

Ring of Kerry
Vor der Küste von Kerry ragen die Skellig Rocks wie Speerspitzen bis zu 217 Metern aus dem Meer. In schwindelnder Höhe errichteten dort im Mittelalter Mönche ihr Kloster um eine Zisterne herum, die ihnen das Überleben sicherte. Es entstanden einzelne Zellen, welche die Iren wegen ihrer Form „Beehive Huts“ (engl. „Bienenkorbhütten“) nennen. Stein-Iglus aus Granit, die samt Dach ohne Mörtel errichtet wurden. Knapp eine Stunde dauert heute der Ritt im kabbeligen Wellenmeer zu den Inseln. Immer wieder verschwindet die Nuss-Schale mit ihren zwölf Passagieren zwischen den Wasserbergen. Die einzigen Konstanten sind ein 300-PS-Diesel, der beruhigend vor sich hin tuckert und der seelenruhige Kapitän, der seine bleichen Gäste freundlich anlächelt: „Everything’s okay?“ Im schaukelnden Boot wartet der Skipper dann auf seine Ausflügler. Dem Profi bleibt das Resümee für die ganze Irlandreise vorbehalten: „Ist das Wetter schön, wirst du dich erinnern. Ist das Wetter schlecht, wirst du es niemals vergessen.“

Tipp: Dursey Island Cable Car
Die einzige irische Seilbahn – das Dursey Island Cable Car.   Foto: geograph.ie

Die einzige irische Seilbahn – das Dursey Island Cable Car. Foto: geograph.ie

Bei Dursey befindet sich die einzige irische Seilbahn, die eine Verbindung zum vorgelagerten „Dursey Island“ bildet. Dieses „Cable Car“ weicht allerdings ein wenig von den standardisierten Vorstellungen einer Seilbahn ab. Der Grund dafür: Ein Großteil der Fahrgäste ist auf vier Beinen unterwegs. Hauptsächlich werden damit Schafe und Kühe transportiert. Nur selten gesellt sich auch ein Einheimischer dazu. Für Wanderer und Touristen ist eine Fahrt mit dieser Seilbahn sicherlich ein spannendes Erlebnis.

Seite 2 – Guide Irland mit Infos zur Anreise, besonderen Verkehrsbestimmungen, Campingplätzen, Wohnmobilstellplätzen und vielem mehr …

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