USA: Coast to Coast – Ostküste · Teil 1 (Seite 1 von 2) von Dr. Katrin Kern
Deutsche Botschaft
Botschaft der Bundesrepublik Deutschland
4645 Reservoir Road NW · Washington, DC 20007
Tel. (202)298-4000
www.germany.info


Öffnungszeiten:
Montag–Freitag: 8.30–11.00 Uhr

Wo ließe sich so eine Tour schöner beginnen als in New York? Mit dem Flugzeug über den Atlantik, ein paar Stunden Wartezeit bei der Einreise – schließlich prüfen die Amerikaner sehr genau, wen sie in ihr Land lassen – und dann in ein kleines Hotel in Chinatown. Die Zeitverschiebung von sechs Stunden ist kaum zu spüren, zu hoch ist der Adrenalinspiegel, die Spannung mit Händen zu greifen, denn das Abenteuer soll beginnen.
Vor der Übernahme der Mietmobile gönnen wir uns ein paar Tage Sightseeing im Big Apple, wie die Amerikaner liebevoll diese Megacity an der Ostküste nennen. Am Times Square tobt das Leben. Hier kann einem vor lauter Flimmerwerbung an den eng beieinander stehenden Hochhäusern ganz schwindelig werden. Alt und neu, dicht an dicht; Manhattan und seine Skyscraper wären allein schon eine Reise wert.

Die Wunde ist immer noch spürbar
Ganz mulmig wird uns beim Besuch des 9/11 Memorials. Ringsherum ist in den vergangenen Jahren nach und nach der neue „World Trade Center“-Komplex in die Höhe geschossen. Einer der Bürotürme ist mit 541 Metern aktuell das höchste Gebäude New Yorks: der achteckige gegen Anschläge aufwendig gesicherte Freedom Tower. Die Grundfläche, auf der die bei den Anschlägen am 11. September 2001 zerstörten Zwillingstürme gestanden hatten, wurde bewusst unbebaut gelassen. Noch immer spürt man hier die Wunde, die dieses Verbrechen mitten in der Weltstadt hinterlassen hat. Sozusagen in den Fußstapfen der Twin Towers wurden als Mahnmal zwei dunkle Becken gebaut, deren Wasserfälle neun Meter in die Tiefe stürzen. In die bronzenen Beckenränder sind die fast 3.000 Namen der Menschen eingraviert, die bei den Anschlägen ihr Leben ließen. Ein Ort mit großer Symbolkraft.
Man kann in New York die gewaltigen Gebäude als Fußgänger von unten betrachten, auf Aussichtsplattformen von oben hinabschauen, vom Wasser aus die Skyline bestaunen, über die Brooklyn Bridge schlendern, im Central Park den Musikern lauschen und tagelang U-Bahn fahren. Es wird niemals langweilig. Aber wir sind ja aufgebrochen, um ganz Amerika oder zumindest einen großen Teil dieses faszinierenden Landes kennenzulernen. Und zwar auf eigene Faust, im Mietmobil, das wir dorthin steuern können, wohin wir gerade wollen. Zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten passt diese Freiheit des Reisens. So übernehmen wir die geräumigen Motorhomes und packen erst einmal die Koffer aus. Platz genug findet man in all den Schränken und Fächern.

Andere Länder, andere Sitten
Die amerikanischen Campingplätze sind eine Klasse für sich. Der Hausmeister eskortiert uns mit seinem Golf-Karren zum Stellplatz. An jeder Parzelle gibt es Anschlüsse für Frischwasser, Strom, Abwasser und Toilettenentsorgung: „Full Hook-Up“ nennt man dies! Man parkt ein, hängt die Schläuche in die jeweiligen Öffnungen, und schon schnurrt die Klimaanlage. Der Camper kann nun in aller Ruhe das Feuer schüren und sich um die richtige Glut fürs Barbecue kümmern. Grillplätze sind selbstverständlich überall vorhanden. Aber Achtung vor diebischen Ibissen, da wird schon mal ein ganzes Filetstück vom Rost geklaut.
Allerdings muss man sich an einige wenige Spielregeln halten, wenn man mit den Amerikanern gut Freund sein will. So ist es zum Beispiel strengstens verboten, eine Leine zu spannen und Wäschestücke aufzuhängen. Auf allen Campingplätzen stehen reichlich Waschmaschinen und Trockner gegen Bezahlung zur Verfügung. Bei dem fast durchgehend sonnigen Wetter, das uns schon die ganze Tour über begleitet, würden wir liebend gern die Wäsche an der Luft trocknen lassen. Warum dies nicht erwünscht ist, kann uns niemand erklären. Es ist einfach so, und überall weisen Verbotsschilder darauf hin.
Bei 35 Grad im Schatten huschen wir schon mal nur mit einem Handtuch umschlungen zum Duschen. Der Bademantel musste leider aus Gewichtsgründen zuhause bleiben. An seiner Stelle fanden wichtigere Dinge Platz im Koffer. Wir hätten uns vorher daran erinnern sollen, dass die Amerikaner zwar allenthalben von Freiheit reden, im Grunde ihres Herzens aber extrem prüde sind. So staunen wir nicht schlecht, als das nette Mädel von der Rezeption an unsere Reisemobiltür klopft und sich eine Weile schamvoll windet, bis sie uns den Grund ihres Besuches nennt: Andere Campingplatz-Gäste hatten sich über unser unzüchtiges Outfit beschwert. „Hier in Amerika gehen wir voll bekleidet hin zum Sanitärgebäude und kommen auch bekleidet zurück“, wurden wir belehrt. Selbstverständlich nehmen wir nun Rücksicht auf die Befindlichkeiten des Gastlandes und passen uns an – auch wenn es anders praktischer wäre. Und im Falle der Wäscheleine könnte diese Nation eine Menge Energie sparen. Das interessiert allerdings hier niemanden.

Tipp: Strawberry Fields
Mitten im New Yorker Central Park hat Yoko Ono eine Gedenkstätte für ihren verstorbenen Mann John Lennon gestaltet, benannt nach einem seiner Lieder. Damit wird das Andenken an den Sänger der Beatles wach gehalten, der unweit dieser Stelle erschossen wurde. In einem Bodenmosaik ist der Titel seines vielleicht berühmtesten Titels „Imagine“ zu lesen. Musiker spielen dort rund um die Uhr seine Songs, und Menschen aus aller Welt setzen sich still daneben oder singen mit. (Foto in der Galerie)

„Welcome to D.C.“
Die Ostküste ist das belebte Herz der USA: viele Ballungszentren, ein dichtes Autobahn-Netz und natürlich die Hauptstadt Washington, die keinem Bundesstaat zugeordnet ist, sondern unter dem Kürzel „D.C.“ einen Sonderstatus genießt. Der „District of Columbia“ ist dem Kongress direkt unterstellt und bildet das Zentrum der Macht. Die 600.000-Einwohner-Stadt ist keineswegs ein spröder Verwaltungsort, sondern vielmehr ein freundlicher Ruhepol mit vielen Parks und Museen. Kein Gebäude darf höher sein als das berühmte Washington-Monument. Der 169 Meter hohe Obelisk aus weißem Marmor wurde 1884 zu Ehren des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten in Sichtweite des Kapitols errichtet. Daher gibt es in der US-Hauptstadt keine Wolkenkratzer, was den Charakter der City entscheidend prägt.
Die Amerikaner lieben es, Monumente zu errichten. In Washington findet man in den zentralen Parks unzählige symbolträchtige Bau- und Kunstwerke, die an vergangene Präsidenten und Schlachten erinnern. Eines der meistbesuchten und emotional aufgeladensten ist das Vietnam Memorial. In eine 150 Meter lange schwarze Granitwand wurden die Namen der über 58.000 im Vietnamkrieg gefallenen oder vermissten Soldaten eingemeißelt. Noch heute kommen täglich Veteranen zu der Gedenkstätte und lassen sich von Freiwilligen die Namen ihrer Kameraden auf Pergamentpapier durchpausen. Wir sind tief berührt von dem Anblick.

Zurück zur Natur
Nach so viel Stadtbesichtigung wollen wir in die Natur. Der Shenandoah Nationalpark bietet einsame Straßen, auf denen wir ganz allein unterwegs sind. Die Hauptstraße im Nationalpark schlängelt sich kurvenreich auf dem Höhenzug der Blue Ridge Mountains und wird deshalb „Skyline Drive“ genannt. Diese 169 Kilometer lange Panoramastraße bietet 75 Aussichtspunkte, die – typisch amerikanisch – alle für große Fahrzeuge ausgebaut sind. Die Höhenstraße war eine offizielle Arbeitsbeschaffungsmaßnahme während der Weltwirtschaftskrise. Sie wurde gebaut, als die Autos gerade in Mode kamen und Hochhauswohnungen und Flüge noch nicht für die Allgemeinheit erschwinglich waren. So sollte den Menschen die Möglichkeit gegeben werden, die Welt von oben zu sehen.
Wir rollen durch lichte Wälder auf dem Kamm der Blue Ridge Mountains mit immer wieder herrlicher Aussicht zu beiden Seiten. Mitten drin im Shenandoah Nationalpark unterbrechen wir die Fahrt auf dem Skyline Drive, um mitten in der Wildnis unseren Campingplatz aufzusuchen. Hier ist Bärenland, und wir werden streng gewarnt, keinerlei Lebensmittel oder auch nur nach Essen riechende Gefäße draußen stehen zu lassen. Es gibt keinen Strom, keinen Handy-Empfang und kein Internet-Netz. Dafür viel Natur und Wanderwege. Herrlich! Am nächsten Tag gönnen wir uns einen richtigen Ruhetag, der seinen Namen auch verdient hat. Keine Kilometer und keine Stadtbesichtigung. Auch mal schön …

Williamsburg – eine Zeitreise
So idyllisch es auch in diesem Nationalpark ist, irgendwann wollen wir weiter, und am Ende der Panoramastraße biegen wir ein auf eine kleine Landstraße mit typischem Oststaatenidyll. Hier sieht man überall riesige Grundstücke mit gepflegten Häusern, und die amerikanische Flagge darf natürlich auch nicht fehlen. Mit dem Reisemobil kommt man ganz nah heran an das „normale Amerika“ und nicht nur an die Touristenorte.
Einen Touristenort wollen wir allerdings nicht auslassen: Williamsburg, wo die Zeit stehen geblieben ist. Zurück in die Vergangenheit. Auf dem Fußweg vom Parkplatz in den kleinen Ort hinein steht geschrieben: „Sie verlassen nun das 21. Jahrhundert. Sie kommen zurück in die amerikanische Kolonialzeit.“ Und tatsächlich: Plötzlich sind wir mitten drin in einem Freiluftmuseum. Umgeben von historischen Gebäuden und umringt von Menschen in der Tracht der Kolonialzeit. Hunderte von Millionen Dollar flossen in die Restaurierung der gesamten Stadt. Besonders hervorgetan hat sich wie so oft John D. Rockefeller Junior, der innerhalb von 30 Jahren 60 Millionen US-Dollar in dieses Projekt steckte. So wurden unzählige Häuser originalgetreu restauriert und auch innen ausgestattet. Ein Rundgang durch Williamsburg ist eine Reise in die frühe amerikanische Geschichte, und man erlebt hautnah, wie es war am Vorabend der Revolution. 80 Familien leben noch heute in den Gebäuden, die nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind. In einigen Häusern kann man Handwerkern bei der Arbeit zusehen, es gibt Tavernen, eine Kirche und ein Gefängnis. Ein lebendes Museum; und wir mittendrin.
Bereits 1663 war Williamsburg gegründet worden – benannt nach dem englischen König William dem II. – es wurde schnell zur Hauptstadt der britischen Kolonie von Virginia. Ja, inzwischen sind wir nämlich schon im vierten Bundesstaat unserer Reise angekommen. Nach New Jersey, Pennsylvania, Maryland und Virginia machen wir uns von hier aus auf den Weg nach North Carolina.

„See you later, Alligator“
Weite Teile dieses Bundesstaates sind auf Sümpfe gebaut. Wir halten uns nah an der Küste und fahren entlang des Alligator Rivers. Leider sehen wir keines dieser namensgebenden Reptilien. Noch nicht! Dafür besteigen wir den schmucken schwarz-weißen Leuchtturm auf Bodie Island und genießen einen fantastischen Rundumblick.

Südstaaten-Metropole Charleston
Immer weiter südlich führt unser Weg. Aus North Carolina wird South Carolina, wo wir die typische Südstaaten-Metropole Charleston besuchen. Weiße herrschaftliche Villen, gepflegte blumengesäumte Straßen und mächtige alte Bäume prägen das Stadtbild. Der populäre Charleston-Tanz der 30er-Jahre wurde nach dieser Hafenstadt benannt. Die altehrwürdige Universität gehört wie viele Ostküsten-Bildungseinrichtungen zu den renommiertesten Colleges der USA. Die Abgänger erhalten nach ihrer Graduierung einen Siegelring, der sie lebenslang mit der Universität verbindet. Amerika ist ein Land, das größten Wert auf Traditionen legt. Das spüren wir überall. Hier in South Carolina kann es auch passieren, dass man im Park einem waschechten Ureinwohner Amerikas begegnet.
Je weiter man nach Süden kommt, desto mehr ändert sich die Vegetation. Das Klima wird feuchter, die Moskitos feiern jeden Tag Partys, so wohl fühlen sie sich in Georgia – und wir haben als Übernachtungsziel eine Insel … Im siebten Bundesstaat unserer USA-Durchquerung machen wir einen Abstecher nach Jekyll Island, einer Düneninsel umgeben von Sümpfen. Sie wird als Georgias Juwel bezeichnet. Viele US-Millionäre verbringen hier ihren Urlaub. Da war ja klar, dass das Eiland auch auf unserer Route liegen würde. Die Fahrt zur Nordspitze der Insel, wo unser Campingplatz liegt, fühlt sich wie eine Reise durch den Regenwald an. Bei 34 Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit gedeihen auch die urigsten Pflanzen. Das spanische Moos ist eine Bromelien-Art, die auch „Feenhaar“ genannt wird und auf dem Cover dieser Ausgabe gut zu erkennen ist. Es hängt überall von den sehr hohen Bäumen und sieht wirklich fast gespenstisch aus.

Driftwood Beach – der Baumfriedhof
Trotz schwülwarmer Tropenluft soll der wieder einmal anstehende Ruhetag ausgiebig genutzt werden. Wir mieten uns Fahrräder und radeln um die Insel. Unser erstes Ziel ist Driftwood Beach an der nördlichsten Spitze der Insel, wo bizarre kahle Baumstämme teilweise mitsamt ihren Wurzeln wie auf einem Friedhof für Bäume ihre letzte Ruhe gefunden haben. Die Gezeiten und Stürme haben über Jahrzehnte hinweg diesen Strandabschnitt zu einem einzigen großen Fotomotiv geformt.
„No liveguard on duty, swim at your own risk”, steht auf dem Schild am Strand. Aha, kein Bademeister im Dienst. Man muss also auf sich selbst aufpassen. Ob das Schwimmen hier gefährlich ist? Wir radeln erst einmal weiter ins Landesinnere. Auch hier wieder ein Hinweisschild: „Do not feed or approach alligator“. Wir sollen die Alligatoren weder füttern noch uns ihnen nähern – ob in dem trüben Tümpel mitten im Wald wirklich Echsen lauern? Und ist in dem Fall „sich nähern“ gleichbedeutend mit „füttern“? Immerhin führt unsere Fahrradtour mitten durch Sumpfland. Alligatoren bekommen wir tatsächlich zu sehen. Ob wir ohne sie unfreiwillig zu füttern die nächste Etappe antreten konnten? Das berichten wir im zweiten Teil unserer Serie USA: Coast-to-Coast · Teil 2; in der CAMP24MAGAZIN Februar-Ausgabe 2016.

Seite 2 – Guide USA mit Infos zur Anreise, besonderen Verkehrsbestimmungen, wichtige Telefonnummern, Wohnmobilstellplätzen in den USA und vielem mehr …

VN:F [1.9.20_1166]
Artikelbewertung
Bewertung: 5.0/5 (37 Stimmen)
USA: Coast to Coast – Ostküste · Teil 1, 5.0 out of 5 based on 37 ratings

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *



5 − = 3

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>