Städte-Tour – Istanbul von Johannes Kühner
Tourist-Info
Regionaldirektion Süleyman
Seba Cad. · No: 7
Besiktas · Istanbul

Wie jeden Morgen sind sie die ersten, die das Oberdeck der Galatabrücke bevölkern. Sie präparieren ihre Ruten, schwingen ihre Angelschnüre hinaus über das blaue Geländer, bis die Köder ins Wasser des Goldenen Horns eintauchen. Mehrere Dutzend Fischer – ach was: mehr als 100! – verbringen ihre Tage hier auf der Brücke, zwischen tosendem Autoverkehr hinter ihnen, belebten Restaurants im Deck unter ihnen, dem Ruf des Muezzins aus der Moschee Yeni Cami auf der einen sowie dem steilen Anstieg hinauf ins hippe Beyoğlu-Viertel auf der anderen Seite des Wassers. Und sie ziehen einen Fisch nach dem anderen an Land, um sie in bereitgestellten Wassereimern aufzubewahren.
Vielleicht sind es diese Fische, die es auf dem Markt zu kaufen gibt, nur wenige hundert Meter weiter am Fuße des Beyoğlu-Hügels – einer von sieben Erhebungen im ehemaligen Byzanz, Konstantinopel und heutigen Instanbul, der Hauptstadt dreier Weltreiche. Eine steile und enge Gasse führt hinauf auf diesen Hügel, doch der Aufstieg in der prallen Sonne wirkt nicht so recht verlockend.
Zum Glück muss das nicht sein – denn eine beinahe 150 Jahre alte Standseilbahn nimmt einem die Anstrengung ab. In nur zwei Minuten überwindet sie die 200 Höhenmeter hinauf zur İstiklal Caddesi, einer der bekanntesten (Einkaufs-)Straßen Istanbuls. Bis zum ebenso bekannten Taksim-Platz sind es vom Tünel-Platz nur 1,4 Kilometer – aber auch hier oben geht es nostalgisch weiter für all jene, die sich in die rot-weiße Tramvay setzen. Diese uralte Straßenbahn bahnt sich im Schneckentempo ihren Weg durch die Menschenmenge, macht nur einen einzigen Zwischenhalt, lässt manchmal ihre Glocke bimmeln, um sich Platz zu verschaffen – aber eigentlich ist sie weniger Fortbewegungsmittel als vielmehr ein Ort zum Beobachten, Eintauchen in längst vergangene Zeiten und einfach wieder Kind sein.
Zu Fuß zum Galataturm
An der Endstation füttert eine Frau einen riesigen Schwarm von Tauben. Es ist laut um sie herum, denn der Platz ist ein Verkehrsknotenpunkt – und immer wieder Ort von Protesten, beispielsweise gegen die Fällung der mehr als 70 Jahre alten Bäume des angrenzenden Gezi-Parks. Deshalb lohnt es sich, direkt zurückzugehen über die İstiklal Caddesi, diesmal zu Fuß. Und einzukehren in einem der Cafés der Blumenpassage, deren Eingang gegenüber des kolossalen Galatasaray-Gymnasiums leicht zu übersehen ist.
Nach einer Stärkung ist auch schon fast wieder der Tünel-Platz erreicht – doch diesmal bleibt die Standseilbahn rechts liegen. Denn ein weiterer Höhepunkt kommt ja erst noch: der Galataturm. Er soll einst Teil der Stadtmauer gewesen sein, heute ist er dank seiner Lage 50 Meter über dem Meeresspiegel und einer Höhe von 67 Metern ein idealer Aussichtspunkt: gegen Eintritt kann man an einem runden Geländer entlang um die Spitze herumgehen, mit Blick auf umliegende Dachterrassen, auf Minarette unzähliger Moscheen – und hinunter zur Brücke, auf der immer noch die Fischer ihre Angeln schwingen, bis sie als letzte an diesem Tag das Oberdeck wieder verlassen werden.


In der Stadt
Selbst durch die Stadt fahren? Bloß nicht! Vor allem zur Hauptverkehrszeit bilden sich teils stundenlange Staus. In diesen Phasen lohnt es sich nicht einmal, eines der zahlreichen und preiswerten Taxis zu nutzen. Auch mit den sieben U-Bahn-Linien (eine davon unter dem Bosporus) geht es flott voran – oder man erklimmt 200 Höhenmeter in Beyoğlu kraftsparend in der nostalgische Tünel-Standseilbahn. Außerdem verkehren Fähren. Mit der Istanbulkart (zu erwerben an großen Haltestellen, Kiosken oder Servicestellen) braucht man für all das nicht mal Bargeld. Freien Eintritt in ausgewählte Museen – ohne Anstehen – gewährt der Museumspass.
www.istanbulkart.iett.gov.tr | www.muze.gov.tr


Rundfahrt
Einsteigen, an einer von 15 Haltestellen aussteigen, um bedeutende Sehenswürdigkeiten zu erkunden, und am selben Ort in einen der nächsten Busse wieder einsteigen: Dieses Prinzip der Hop-On-Hop-Off-Standrundfahrten gibt es auch in Isanbul. In den Doppeldeckern stehen Audioführer bereit, die einem die Geschichte der Stadt näherbringen. Es gibt Tickets für 24 und 28 Stunden. Auch eine Bosporusfahrt sollte auf dem Programm stehen – sei es per einfacher Fähr-Überfahrt von Europa nach Asien oder ausgefallener als Mondscheinfahrt in die Nacht hinein – dann nämlich erstrahlt Istanbul vom Wasser aus in funkelnden Lichtern. Tickets: an den Anlegestellen.
www.bigbustours.com


Sehenswertes
Sie ist die Top-Sehenswürdigkeit Istanbuls: die Sophienkirche/Hagia Sophia (Sultanahmet Mh., Ayasofya Meydanı). Fast 1000 Jahre lang war sie das religiöse und kulturelle Zentrum des Byzantinischen Reichs und weitere 500 Jahre Moschee. Heute dient sie als Museum über ihre eigene Vergangenheit. Ebenfalls monumental sind der Dolmabahçe-Palast (Dolmabahçe Cd.), der an Versailles erinnert, und der Tekfur-Palast (Asik Yunus Sokak), der sich in die Stadtmauer einfügt. Wie in einer Kathedrale fühlt es sich in der unterirdischen Yerebatan-Zisterne (Alemdar Mh., Yerebatan Cd. 1/3) mit mehr als 300 Säulen an.
www.hagiasophia.com | www.dolmabahcepalace.com | www.yerebatan.com


Museen
Einst wohnten im Topkapı-Palast (Sultanahmet) die Sultane, heute ist das Gebäude eines der größten Museen der Welt – mit sagenhaftem Überblick über türkisch-islamische Kunst und Reliquien: eines der ältesten Koran-Exemplare oder Barthaare des Propheten Mohammed. Die Chora-Kirche (Dervis Ali Mah. Kariye Türbesi Sokak No: 16) ist ein Museum ihrer selbst willen: Zu sehen sind mittelalterliche Fresken und Mosaike, etwa über das Leben von Jesus. Das Mosaikenmuseum (Torun Sok.) präsentiert Bodenverzierungen aus dem 5. und 6. Jahrhundert, die Archäologen nahe der Blauen Moschee gefunden haben.
www.topkapisarayi.gov.tr | www.kariye.muze.gov.tr | www.muze.gov.tr/mosaic


Kirchen
Minarette und Kirchtürme prägen die Silhouette von Istanbul. Zur Hauptmoschee Istanbuls ist die Sultan-Ahmed-Moschee (At Meydanı No:7) aufgestiegen, nachdem die Hagia Sophia zum Museum wurde. Wegen ihrer unzähligen blauen Fliesen ist sie besser bekannt als Blaue Moschee. Auf dem dritten Stadthügel ragt die Süleymaniye-Moschee (Süleymaniye) hervor. Sie gilt als größter türkischer Stiftungskomplex aus osmanischen Zeiten. Älteste Sultansmoschee Istanbuls: die Beyazıt-Moschee (Beyazıt Mh., Ordu Cad.), die architektonisch mehrere Jahrhunderte prägte.


Spezialitäten
Frisches Gemüse, Knoblauch und viel Olivenöl fehlen wohl auf kaum einer deftigen Speise in Istanbuls Restaurants oder Imbissbuden. Vor allem İmambayıldı – mit Tomaten und diversen Gewürzen gefüllte Aubergine – badet im wahrsten Sinne in Olivenöl und Brühe. Wer mutig ist, lässt sich gegrillte Hammelhoden servieren. Im Straßenverkauf ist das klebrige Marasch-Speiseeis beliebt. Wer sich eine Portion davon gönnt, wird meistens vom Eisverkäufer veräppelt, ehe man seine Waffel in der Hand hält. Ebenfalls an fast jeder Ecke gibt es Simit – Hefekringel mit Sesam. Und natürlich: Schwarztee.


Buchtipp – Istanbul
Orhan Pamuk, „Das Schwarze Buch“: Der Held dieses Romans sucht eigentlich seine verschollene Frau und seinen Cousin. Auf seiner Odyssee durch die Viertel, Moscheen, Bars und zwielichtigen Orte von Istanbul bringt er dem Leser aber vor allem die Stadt näher.
Fischer-Verlag, ISBN: 978-3-596129-92-8

Einkaufen
Tücher, Schmuck, Antiquitäten, Teppiche, Textilien: Mehr als 3.500 Händler preisen im Großen Basar (Kalpakçılar Caddesi Sorguçlu Han No:22) ihre Waren an. Wer da nicht zuschlägt (und wer nicht handelt), ist selbst schuld. Es geht auch eine Nummer kleiner: auf dem Arasta-Basar (Arasta Çarşısı No:143) in einer langen Gasse neben der Blauen Moschee. Ein Paradies für Gewürz- und Lebensmittelliebhaber ist der Ägyptische Basar (Ragıp Gümüşpala Caddesi). Und wer sich abends einen Fisch zubereiten möchte, findet auf dem Fischmarkt Balik Pazari (İstiklal Caddesi) bestimmt einen Leckerbissen.
www.kapalicarsi.com.tr/tr | www.arastabazaar.com | www.misircarsisi.org


Restaurants
Direkt am Galataturm serviert das Güney Kardeşler (Şah Kapısı Sok) typisch türkische Speisen zu günstigen Preisen; ein typisches Feierabend-Lokal in schöner Umgebung. Die Betreiberin des Restaurants 9 Ece Aksoy (Asmalı Mescit Oteller Sok. No:9-B) kocht in ihren sehr kleinen Räumlichkeiten immer das, was die Saison gerade hergibt: Aus frischen Marktzutaten zaubert sie leckere Fisch- und Fleischgerichte, legt aber auch großen Wert auf gutes Gemüse. Das Menü wechselt je nach Verfügbarkeit der Lebensmittel. Unzählige Kebab-Varianten gibt’s bei Ciya Sofrasi (Caferağa Mah. Güneşlibahçe Sk. No:43).
www.dokuzeceaksoy.com | www.ciya.com.tr


Cafés
Die türkische Honig- und Blätterteig-Spezialität Baklava ist pappsüß, aber in Istanbuls Cafés kann man sie stilecht genießen; zum Beispiel bei Karaköy Güllüoglu (Mumhane Cad. No:171) nahe der Galatabrücke. Dort bestellen auch viele Einheimische diese Süßspeise zu einer Tasse Tee. Etwas ruhiger geht es ganz in der Nähe bei Koskeroglu zu (Mumhane Cd. Kat Otoparki Alti No: 2/2). Besucher können den Bäckern dort live bei der Herstellung von Baklava zuschauen. Türkischen Kaffee serviert Fazıl Bey’in Türk Kahvesi (Serasker Cad. No1 A) in entspanntem Ambiente.
www.karakoygulluoglu.com | www.fazilbey.com


In der Natur
Einst war der Gülhane-Park (auch bekannt als Rosenhauspark) der äußere Garten des Topkapı-Palasts. Er ist durchzogen von Wanderrouten und erstreckt sich einen Kilometer weit vom Archäologischen Museum bis zum Goldenen Horn. Aufgrund seiner erhöhten Lage eröffnet sich in einem der Cafés oder Restaurants am Ostende ein unverbauter Blick auf den Schiffsverkehr und das klare blaue Wasser. Auf der asiatischen Seite Istanbuls liegt der Friedhof Karacaahmet Mezarlığı. Steinerne Wege schlängeln sich zwischen Grabsteinen hindurch, Zypressen zaubern ein schattiges Dach aus Ästen – ein wunderbarer Ort zum Flanieren inmitten von Vergangenem.


Mit Kindern
Wenn Kinder größer sind als die Kuppel einer Moschee, dann kann es sich nur um eines handeln: Sie sind unterwegs im Freizeitpark Miniatürk (Sütlüce Mahallesi, İmrahor Caddesi): Dort sind mehr als 100 Modelle von Gebäuden des osmanischen Raums ausgestellt. Das Archäologische Museum – bedeutend für seine Sammlungen aus dem Altertum – lockt mit einer Kinderabteilung (Alemdar Cad. Osman Hamdi Bey Yokuşu Sk). Und aufregend – weil ungewöhnlich – für Kinder ist auch eine Fahrt mit der Untergrundbahn Tünel aus dem Jahr 1873. Das dauert zwar nur zwei Minuten; in dieser Zeit überwindet die Standseilbahn aber in Schräglage 200 Höhenmeter.
www.miniaturk.com.tr | www.istanbularkeoloji.gov.tr


Kultur
Der Tanz der Derwische ist seit zehn Jahren immaterielles Kulturgut der UNESCO: Mönche mit weißen Mänteln drehen sich so schnell im Kreis, dass ihre Säume sich wie eine Glocke um ihre Beine wölben. Zu sehen ist das Ritual jeden Montag gegen 18.30 Uhr in den Klöstern der Mönche oder – etwas touristischer – im Sirkeci-Bahnhof (Hoca Paşa Mh., Ankara Caddesi, Sirkeci). Wer sich für Bauchtanz interessiert, kann in Istanbuls ältesten Club gehen: Kervansaray (Cumhuriyet Cad. 30). Schön sind auch die Bauchtanz-Shows im Sultana’s (Cumhuriyet Sad. 16/1), wo außerdem andere Folkloretänze zu Live-Musik zu sehen sind.
www.kervansarayistanbul.com | www.sultanas-nights.com


Hamam
Sie sind mit Marmor verkleidet, haben eine Liegefläche in der Mitte, sind meist nach Geschlechtern getrennt – und vor allem sehr heiß: türkische Dampfbäder beziehungsweise Hamams. Empfehlung Nummer 1: das Haseki-Hürrem-Hamam (Cankurtaran Mahallesi Bab-ı Hümayun Caddesi No.1). Dieses Badehaus aus dem 16. Jahrhundert nahe der Sophienkirche ist zwar nicht günstig, aber der Service ist sehr zuvorkommend, und zum Eintritt gibt’s eine Massage dazu. Das Bad ist unterteilt in einen Männer- und Frauenbereich. Empfehlung Nummer 2: das Suleymaniye-Hamam (Mimar Sinan Caddesi No: 20). Hier dürfen Familien und Paare gemeinsam baden – was eine Seltenheit ist.
www.ayasofyahamami.com | www.suleymaniyehamami.com


Umgebung
Keine Autos, stattdessen Pferdekutschen: Dafür sind die Prinzeninseln südlich von Istanbul bekannt. In Droschken können sich Touristen durch die Landschaft fahren lassen, beispielsweise auf der schönsten Insel Büyüada mit idyllischen Weinbergen und dem Christoskloster. Und auf der Rückfahrt zeichnen die Minarette und Häuser von Istanbul eine traumhafte Stadtkulisse in den Himmel. Per Fähre gelangt man auch in den Stadtteil Eyüp, in dem Istanbuls heiligste Moschee beheimatet ist. Wer etwas mehr Zeit hat, unternimmt eine 35 Kilometer weite Fahrt ans Schwarze Meer, wo Strände zum Baden einladen.


Fazit
Stadt am Wasser, Stadt auf sieben Hügeln, Stadt mit bewegter Vergangenheit: All diese Einflüsse sind in Istanbul an jeder Ecke zu spüren. Sei es in den Top-Museen, in den religiösen Zentren oder in den vielen Restaurants mit ebenso vielfältiger Küche. Und egal, wo man sich bewegt: Auffällig ist die Gastfreundschaft der Metropolen-Bewohner. Zwar sollte man nicht jedem Angebot zu einem Schwarztee blind folgen, aber warum nicht in einem Café die Einladung annehmen? So kommt das Gespräch nicht ins Stocken – und den einen oder anderen Insider-Tipp gibt es vielleicht sogar noch obendrauf.

Reisemobil-Stellplätze
Stellplatz Otopark
Sultanahmet Mh./Kennedy Caddesi · 34122 Fatih/İstanbul
GPS: 41°00‘06.1“ N / 28°58‘38.6“ O
Neben dem Leuchtturm (Deniz feneri yani) gelegener Stellplatz direkt am Wasser, die Blaue Moschee ist ungefähr einen Kilometer entfernt.
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