Federn und Dämpfer für Wohnmobile von Theo Gerstl

Fitness fürs Fahrwerk
Reisemobile in der Klasse bis 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht sind begehrt: Kein Tempo hundert auf den Autobahnen, auch das Lkw-Überholverbot gilt für diese Fahrzeugklasse nicht und deutlich geringere Mautgebühren jenseits der Bundesgrenzen sprechen für einen Dreieinhalbtonner. Doch das Motto „Pickerl statt Go-Box“ ist nicht frei von Risiken: Wird man vom Herrn Gendarm mit einem überladenen Reisemobil ertappt, drohen neben dem obligaten Bußgeld auch Nachzahlungen bei der Maut; und falls es zu einem Unfall kommt, kann auch noch die Versicherung „auf stur“ schalten und richtig zickig werden.
Überladen ist das Reisemobil allerdings ganz schnell: beträgt in der 3,5-Tonnen-Klasse die Differenz zwischen der „Masse im fahrbereiten Zustand“ und der „Technisch zulässigen Gesamtmasse“ doch oft nicht viel mehr als eine halbe Tonne. Dabei handelt es sich bei der ersten Gewichtsangabe in den Hochglanzprospekten um das Leergewicht des Fahrzeuges mit Serienausstattung plus der Füllgewichte (Fahrer, Wasser etc.). Aber so verlässt wohl kaum ein Reisemobil den Verkaufsraum: Eine Markise ist ohnehin fast Pflicht, die Satellitenschüssel prangt auf jedem zweiten Dach, und eine Klimaanlage, die stärkere Motorversion sowie ein paar Extras im Basisfahrzeug werden auch gerne noch dazubestellt. Damit sind die ersten paar hundert Kilo der Zuladungskapazität schon mal aufgebraucht.
Und wenn dann vor der Abreise das Gepäck, Fahrräder und Freizeitequipment verstaut werden und schließlich die Familienmitglieder auch noch an Bord sind, ist das zulässige Gesamtgewicht zumindest ausgereizt – wenn nicht sogar mehr oder weniger deutlich überschritten. Jetzt steht der vierrädrige Reisegefährte mit tief hängendem Heck vor dem Haus, und bereits auf den ersten Kilometern wundert sich der Fahrer über ein schwammiges Handling, steigende Seitenwindempfindlichkeit und ein instabiles Bremsverhalten – all das ist weder der Sicherheit noch der Langlebigkeit des Fahrwerkes dienlich. Deshalb bieten Fahrwerksspezialisten die verschiedensten Nachrüstmöglichkeiten an, um entweder ein durch die jahrelange Belastung verschlissenes Fahrwerk wieder aufzupeppen, den Komfort zu erhöhen oder eine Auflastung zu erreichen.

Permanente Dauerbelastung
Die Transporter-Baureihen der verschiedenen Nutzfahrzeug-Hersteller sind die Basisfahrzeuge für die allermeisten Reisemobile auf unseren Straßen – mal abgesehen von den ganz großen Mobilheimen auf Lkw-Basis oder Expeditionsfahrzeugen. Die gebräuchlichen Kleinlaster sind zwar für den professionellen Dauereinsatz gebaut, ihre Fahrwerke bilden aber einen Kompromiss für die verschiedensten Beladungszustände: Einerseits müssen sie die volle Zuladung verkraften, andererseits sollte aber auch ohne Last an Bord noch ein akzeptabler Federungskomfort gewahrt bleiben.
Für den Reisemobil-Einsatz mit seinem Dauerstress an der Grenze der Zuladungskapazität sind die Fahrwerke der 3,5-Tonner-Basisfahrzeuge jedoch nicht ausgelegt. Da hilft es auch nur wenig, wenn ein spezielles Reisemobil-Chassis verbaut ist. Schließlich stellt auch dieses einen Kompromiss dar – zwischen möglichst kompakter Bauweise, Gewicht sowie Dauerhaltbarkeit; und das alles zu akzeptablen Kosten.

Aufgefrischte Blattfedern
Der Großteil des Gewichts jedes Wohnaufbaus lastet auf der Hinterachse, an der in der Regel Blattfederungen verbaut sind. Wenn nun das Heck des Reisemobils aufgrund der hohen Belastung durchhängt, kann diesem Umstand durch den Einbau einer neuen Feder-Zusatzlage entgegengewirkt werden. Dabei ist es egal, ob die Ursache darin besteht, dass die ursprüngliche Federspannung durch die langjährige Belastung bereits nachgelassen hat oder das Fahrzeugheck wegen zu hoher Beladung, beispielsweise durch mehrere Fahrräder auf dem Heckträger, durchhängt. Der unkomplizierte Einbau und die geringen Kosten sprechen bei Blattfeder-Fahrwerken für eine Frischzellenkur per neuen Zusatz-Federlagen.
Doch das Reisemobil kann sich auch zu einer Seite hin neigen, also schief stehen. Die Ursache hierfür liegt in der Regel in einer ungleichmäßigen Gewichtsverteilung zwischen linker und rechter Fahrzeugseite – beispielsweise durch den Innenausbau oder schwere Anbauteile auf einer Seite. In solchen Fällen helfen spezielle Metallplatten weiter, die auf der durchhängenden Seite zwischen Federpaket und Achse montiert werden und so das Fahrzeug wieder waagerecht stehen lassen. Montiert man zwei dieser Ausgleichsstücke – auf jeder Seite eine – heben diese das gesamte Fahrzeugheck an. Dies ist eine preiswerte Lösung, beispielsweise um bei Fahrzeugen mit langem Hecküberhang das Aufsetzen achtern zu verhindern. Mit der Kombination von zwei unterschiedlich starken Ausgleichsstücken auf der linken und rechten Seite kann schließlich ein schief hängender Wohnaufbau nicht nur in die Waagerechte gebracht, sondern gleichzeitig sein Heck auch höhergelegt werden. Distanzstücke sind somit eine einfache Lösung zum Höhenausgleich, bei überforderten oder verschlissenen Fahrwerkskomponenten verbessern sie das Fahrverhalten jedoch nicht wirklich.

Schraubenfedern sorgen für Komfort
Da Schraubenfedern prinzipbedingt deutlich komfortabler arbeiten als Blattfedern, werden sie von vielen Nutzfahrzeug-Herstellern an der Vorderachse verbaut; wodurch der Federungskomfort speziell auf den Cockpitsitzen deutlich steigt. Im Gegenzug sind sie jedoch weniger stark belastbar, was speziell bei Reisemobilen der Integrierten-Baureihen mit ihrem hohen Gewicht auf der Vorderachse zum Problem werden kann – auf ihr lasten beispielsweise die schwere Panorama-Windschutzscheibe oder das Hubbett. Als Folge davon verlieren die Schraubenfedern über die Jahre an Spannkraft, und die Fahrzeugfront hängt nach unten. Darüber hinaus neigt das Fahrwerk bei Bodenunebenheiten wie Schlaglöchern nun zum Durchschlagen, was nicht nur den Fahrkomfort verschlechtert, sondern auch den gesamten Innenausbau in Mitleidenschaft zieht sowie die Fahrsicherheit, speziell in Kurven und beim Bremsen, gefährdet.
Diese Probleme lösen verstärkte Schraubenfedern, die für die speziellen Belastungen im Reisemobil entwickelt worden sind und anstatt der Serienfedern montiert werden. Und auch eine Fahrwerkshöherlegung ist auf diese Weise möglich: Da es die Nachrüstfedern in verschiedenen Längen gibt, kann die Fahrzeugfront um bis zu zehn Zentimeter in die Höhe wandern. Zusammen mit den erwähnten Ausgleichsstücken an der Hinterachse kann folglich auch der komplette Aufbau höhergelegt werden. Gerade bei Reisemobilen mit langem Radstand oder großem Hecküberhang erleichtert dies das Überfahren von Rampen, wie beispielsweise bei der Ein- und Ausfahrt auf Fährschiffe.
Darüber hinaus können per Schraubenfedern auch überforderte Blattfedern an der Hinterachse unterstützt werden: Als Zusatzfeder zwischen Achse und Fahrzeugrahmen montiert, verteilt sich das Gewicht des Aufbaus auf Blatt- und Schraubenfedern – mit dem Effekt, dass die Originalfederung entlastet wird und sich das Fahrzeugheck wieder auf das Standardniveau anhebt.

Zusatz-Luftfedern an der Hinterachse
Ganz ähnlich funktioniert die Unterstützung der Hinterachsdämpfung durch eine zusätzliche Luftfederung. In diesem Fall werden zwei Luftbälge aus Gummi zwischen Achse und Fahrzeugrahmen verbaut, deren Druck per Kompressor (oder an der Reifenfüll-Station jeder Tankstelle) an die verschiedenen Beladungszustände angepasst werden kann: Über den Luftdruck im System lässt sich die Härte der Federung verändern und das Niveau des Hecks justieren – von der waagerechten Ausrichtung im normalen Fahrbetrieb bis zur Höherlegung für das problemlose Befahren von Fährrampen oder schlechten Wegen. Bei der Drucksteuerung der Zusatz-Luftfederung unterscheidet man zwischen den sogenannten Ein- und Zweikreis-Systemen. Während bei ersteren beide Luftbälge an der Hinterachse über eine gemeinsame Luftleitung befüllt werden und so stets gleicher Luftdruck in beiden Federbälgen herrscht, ist es bei Zwei-Kreis-Systemen möglich, jeden Luftbalg individuell aufzublasen. Dafür sind zwei voneinander unabhängige Druckluft-Kreisläufe nötig, welche eine einseitige Höhenanpassung der Luftfeder-Hinterachse bei ungleichmäßiger Beladung (links-rechts) ermöglichen.

Komplettlösung Vollluftfederung
Anders als bei der Zusatzluftfederung, bei der die serienmäßigen Federpakete erhalten bleiben, werden diese bei der Vollluftfederung komplett ersetzt. Dies ist ein aufwändiger Umbau, da die Blattfedern ja auch für die Radführung zuständig sind. Entsprechend müssen diese durch neue Radaufhängungen ersetzt werden. Bei der einfacheren Version, der sogenannten 2-Kanal-Luftfederung, erfolgt der Umbau nur an der Hinterachse, bei der 4-Kanal-Luftfederung wird die Vollluftfederung an allen vier Rädern verbaut.
Die Luftbälge werden per Steuergerät vollautomatisch mit dem aktuell nötigen Innendruck versorgt, sodass sich das Fahrzeug unabhängig von der Beladung automatisch waagerecht ausrichtet und Wankbewegungen in Kurven oder bei Seitenwind ausgleicht. Natürlich ist auch ein manueller Eingriff möglich, um beispielsweise das Heck anzuheben oder abzusenken.

Fahrzeugspezifische Systemlösungen
Da jede Fahrwerksverbesserung auf das Fahrzeug individuell abgestimmt werden muss, verwundert es nicht, dass die Hersteller solcher Systeme maßgeschneiderte Lösungen für alle gängigen Reisemobil-Basisfahrzeuge entwickelt haben. So hat beispielsweise der Fiat-Spezialist „Kuhn Auto Technik“ eine Zusatz-Stahlfeder zur Federverstärkung für die Hinterachse von Ducato, Citroen Jumper und Peugeot Boxer (X-250 und Typ 290/295, ab Baujahr 2014) entwickelt. Das Besondere an dieser Zusatzfeder ist, dass sie trotz ihrer großen Hubleistung ein geringes Gewicht aufweist und reibungslos – und somit geräuschfrei – arbeitet. Auch die Montage verläuft schnell und unkompliziert, da die Blattfeder weder von der Achse gelöst noch zerlegt werden muss.
Alko bietet ebenfalls für Reisemobile auf Ducato-Basis – inklusive der Schwestermodelle Peugeot Boxer und Citroen Jumper – ein speziell abgestimmtes Nachrüstfahrwerk an. Dessen Vorderachsfederbeine namens „ACS“ bestehen aus zwei auf den Einsatz im Reisemobil optimierten Stoßdämpfern und darauf abgestimmten Spiralfedern. Das „Rear Suspension Kit (ARS)“ für die Hinterachse setzt sich aus Spezialstoßdämpfern, extra Spiralfedern und speziellen Anschlagspuffern zusammen. Das Set ist speziell auf das Gesamtgewicht und die Achslast von Kastenwagen-Reisemobilen ausgelegt und in unterschiedlichen Versionen für die differierenden Gesamtgewichte der Ducato-Varianten 33L/35L/35H lieferbar.
Der Fahrwerksspezialist Goldschmitt bringt gerade eine Luftfederung für den neuen VW T6 auf den Markt, die sowohl als 2-Kanal-Version für die Hinterachse wie auch als Komplettfahrwerk für Vorder- und Hinterachse verfügbar sein wird. Wie alle Vollluftfedersysteme von Goldschmitt ist auch dieses serienmäßig mit der Luftfedersteuerung „AirDriveControl“ ausgestattet, die neben den Standard-Funktionen zum Anheben und Absenken des Reisemobils weitere nützliche Funktionen bietet. So richtet sich beispielsweise das Fahrzeug im Stand auf Knopfdruck vollautomatisch aus; außerdem lassen sich mit dem System die Achslasten ermitteln und anzeigen.
Ebenfalls neu ist Goldschmitts „Route-Comfort-Paket“ für die Light-Version des Fiat Ducato. Bei ihm sollen speziell abgestimmte Federbeine an der Vorderachse vor allem bei Kastenwagen-Ausbauten für ein ruhigeres und komfortableres Fahrverhalten sorgen.
Neben der Entwicklung von Luftfederungen für die neuen Mercedes-Modelle Vito und V-Klasse sowie den VW T6 hat sich VB-Airsuspension aktuell dem Ford Transit V363 zugewandt: Für die verschiedenen Fahrwerks- und Antriebssysteme wurden jeweils maßgeschneiderte Systeme entwickelt, wie eine Zusatzluftfederung für den Transit mit Vorderradantrieb (FWD) oder Hinterradantrieb (RWD) sowie die Kombination aus Hinterradantrieb mit Zwillingsbereifung (DRW). Die Zusatzluftfederungen gibt es ausschließlich als Zweikreis-Systeme, eine Vollluftfederung für die Hinterachse des Ford Transit ist bei VB-Airsuspension gerade in der Entwicklung und wird in naher Zukunft verfügbar sein.

Mehr Zuladung durch Auflastung
Wenn die mögliche Zuladung eines Reisemobils für den gesetzeskonformen Transport des Urlaubsequipments nicht ausreicht, bietet eine Auflastung den Weg aus dem Dilemma – also die Erhöhung der in den Fahrzeugpapieren eingetragenen Achslast und des zulässigen Gesamtgewichtes. In vielen Fällen ist dies durch den Einbau von Zusatzfedern in Kombination mit einem entsprechenden Gutachten des Fahrwerks-Herstellers möglich. Für die Auflastung kommen die verschiedensten Federsysteme in Betracht, von zusätzlichen Federlagen bei Blattfedern über spezielle Schraubenfedern für Vorder- und Hinterachse bis hin zur Zusatz- oder Vollluftfederung.
Für den Bestseller unter den Reisemobil-Basisfahrzeugen, den Fiat Ducato, hat der Fahrwerksspezialist Linnepe aktuell ein Auflastungsgutachten für sein Luftfedersystem „Airlift Maxi“ erarbeitet. Durch dieses kann beispielsweise das zulässige Gesamtgewicht des Fiat Ducato 250/290 – je nach Modellversion – auf bis zu 4,4 Tonnen erhöht werden. Das brandneue Linnepe-Auflastungsgutachten ist optional für alle Fiat Ducato ab Baujahr 2006 erhältlich.
Goldschmitt dagegen hat für den Mercedes Vito und die Mercedes V-Klasse ein neues Vollluftfedersystem für die Hinterachse entwickelt, das ebenfalls eine Erhöhung der Nutzlast bei diesen Fahrzeug-Baureihen ermöglicht.

Hersteller von Federsystemen für Reisemobile*
AL-KO Fahrzeugtechnik
Tel.: 08221/97-0
www.al-ko.de


Goldschmitt techmobil GmbH
Tel.: 062 83/22 29-100
www.goldschmitt.de


Kuhn Auto Technik GmbH
Tel.: 06532/95 30-0
www.kuhn-autotechnik.de


Liberco Systems GmbH
Tel.: 05472/954 998-0
www.liberco.de


A. Linnepe GMBH
Tel.: 02333/98 59-0
www.linnepe.eu


SAWIKO Fahrzeugzubehör GmbH
Tel.: 05493/99 22-0
www.sawiko.de/federsysteme.php


SMV
Tel.: 05471/95 83-0
www.smv.ag


VB-Airsuspension Deutschland GmbH
Tel.: 02331/624 74-0
www.vbairsuspension.com/de


* ohne Wertung oder Anspruch auf Vollständigkeit

VN:F [1.9.20_1166]
Artikelbewertung
Bewertung: 4.9/5 (28 Stimmen)
Federn und Dämpfer für Wohnmobile, 4.9 out of 5 based on 28 ratings

Ein Gedanke zu “Federn und Dämpfer für Wohnmobile

  1. Ich habe einen Carado T138 Diesel Bj. 2013.
    Bin nach einigen Umbauten mit dem Teil sehr zufrieden. Bietet viel Platz und Stauraum .
    Leider bin ich mit dem Fahrkomfort nicht so zufrieden. Im Stadtverkehr ist noch alles OK, sobald die Geschwindigkeit über 80 km h kommt, wird das Lenkverhalten sehr schwammig. Beim Überholen muss man sich daran gewöhnen keine scharfen Lenkbewegungen zu machen. Solange alles sanft abläuft ist es gut. Ich habe hinten 2 E-Bikes drauf. Sonst ist das Teil zwar voll, aber nicht überladen. (2 Personen). Das WM ist sehr flott, darum ist es schade das dieses Unsicherheitsgefühl doch sehr belastet. Wenn ich wüsste welche Federung da richtig wäre, würde ich das sofort machen. Vielleicht weiß jemand da einen Rat.

    VA:F [1.9.20_1166]
    Bewertung: 0 (von 0 Stimmen)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *



+ 1 = 9

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>