Skandinavien – Lappland: Tundra und Taiga Schwedens (Seite 1 von 2) von Iris Löser
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Mit der Fähre geht es von Puttgarden nach Dänemark und weiter von Helsingør nach Helsingborg in Schweden. Es ist die Nacht auf den ersten Mai, und auf dem offiziellen Stellplatz von Osby in Småland (GPS 56°22‘7“N/13°59‘5“O) spricht uns ein Reisemobilfahrer an. Erwin aus Deutschland lebt schon seit Jahren in Schweden und lädt uns ein, ihn zu einer traditionellen Maifeier des Ortes mit Buden, Maifeuer und abschließendem Feuerwerk zu begleiten. Auch ansonsten gestaltet sich die Kommunikation einfach. Viele Schweden sprechen Deutsch oder alternativ zumindest gut Englisch.

Hinein in die Natur
Unser erstes Ziel sind die Feuchtgebiete Zentralschwedens. Als wir den Storre Mosse Nationalpark erreichen, klart das bisher unbeständige Wetter allmählich auf. Im Naturum, dem Informationszentrum des Nationalparks, beweist Schweden seine bekannte Kinderfreundlichkeit. Nach dem Eintreten heißt es hier erst einmal „Schuhe aus“, denn jungen Gäste wird im ganzen Haus die Möglichkeit geboten, spielerisch, gern auch krabbelnd, mehr über die Natur des Parks zu erfahren. Auf den angrenzenden Feuchtwiesen des Parks tanzen balzende Kraniche, von einem Beobachtungsturm aus sehen wir zwei Fischadlern bei der Jagd zu. Auf der gegenüberliegenden Seeseite erstreckt sich eine parkähnliche Landschaft, unwirklich und im Nebel. Hinter jeder Ecke könnte man einen Troll vermuten. Im Hintergrund hört man den eigenartigen Ruf der Bekassine.
Auch der weiter nördlich gelegene Takernsee ist ein Vogelschutzgebiet von großer Bedeutung, und auch hier gibt es ein Naturum, das über das Gebiet informiert. Ein Aussichtsturm erlaubt einen Blick über den See. Von den Stegen, die sich durch Teile der angrenzenden Feuchtgebiete erstrecken, lassen sich Vögel beobachten; neben Seeschwalben und diversen Singvögeln bekommen wir auch Bartmeisen vor die Linse. Auf dem großen Parkplatz sind Stellplätze für Reisemobile (GPS 58°19‘52“N/14°49‘22“O) ausgewiesen, die in der Saison kostenpflichtig sind. Ganz in der Nähe des Takernsees gibt es in Hästholmen Felszeichnungen aus der Bronzezeit zu besichtigen. Diese sind wie so viele Sehenswürdigkeiten in Schweden frei zugänglich, aber nicht ganz leicht zu finden. Es bedarf doch eines fast schliemannschen Spürsinns, sie am Ende eines Feldwegs zu entdecken. Die Klosterruine Alvastra und der Runenstein von Rök aus dem 9. Jahrhundert, die nicht weit entfernt sind, machen es uns deutlich einfacher.

Abseits der Hauptstraßen
Oft entscheiden wir uns nun gegen die Hauptverbindungsstraßen und lernen so die schwedischen „dirt roads“ kennen, die unbefestigten Straßen. Mit einem geeigneten Fahrzeug lassen sich diese gut befahren … jedenfalls solange man den Schlaglöchern ausweicht. Eine dieser Straßen führt uns nach Pershyttan, einer alten Bergbausiedlung, die zwar zum Teil bewohnt, aber an sich ein großes Freilichtmuseum ist. In dieser Region wird heute kein Eisen mehr abgebaut; die Hütte ist seit 1953 außer Betrieb. Auf dreisprachig gehaltenen Schildern gibt es überall auch auf Deutsch detaillierte Erläuterungen zu den einzelnen Gebäuden sowie zur bis ins 14. Jahrhundert zurückreichenden Geschichte des Ortes und des dortigen Eisenabbaus.

In Schweden gibt es noch 260 000 Rentiere.

In Schweden gibt es noch 260 000 Rentiere.

Ein Tipp eines schwedischen Ornithologen führt uns anschließend in ein Moorgebiet in der Nähe von Örebro. Auf dem Parkplatz stehen bereits zwei deutsche Reisemobile. Es stellt sich schnell heraus, dass wir hier alle das Gleiche suchen: die Sterntaucher. Dieser seltene Vogel kommt eigentlich nur zum Brüten aufs Land und vollführt während der Balz spektakuläre Manöver auf dem Wasser. Ein Rundweg führt über Stege durch das Moor. Für gute Bilder heißt es allerdings früh aufzustehen, kurz vor fünf gehen wir auf die Pirsch … und sind nicht alleine: Naturfotografen aus aller Herren Länder hoffen auf das perfekte Foto.

Tipp: Ájtee
Das Fjäll- und Samenmuseum Ájtee in Jokkmokk informiert über das Leben und die Kultur der Samen, der Ureinwohner Skandinaviens, in der rauen Landschaft Lapplands. In ganz Skandinavien leben heute noch etwa 70.000 bis 80.000 Samen, davon rund 20.000 in Schweden.
In anschaulicher Art und Weise werden dem Besucher die Kultur und die Geschichte des nomadisch lebenden Volkes von Jägern und Rentierzüchtern nahegebracht. In den Ausstellungen finden sich Alltags- und Festkleidung, samischer Silberschmuck und diverse Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Die szenische Darstellung macht den Alltag der Siedler und Rentierzüchter in der Vergangenheit und Gegenwart lebendig. Auch dem Thema Religion und Mythen ist eine eigene Ausstellung gewidmet.
Im angeschlossenen Restaurant bietet sich dem Besucher die Möglichkeit Rentierfleisch zu probieren. Das angebotene Rentiergeschnetzelte schmeckt ungewohnt, aber lecker.

Hamra Nationalpark
Unweit der Verbindungsstraße E45 gen Norden liegt der Hamra Nationalpark. Auf der Fahrt dorthin kommen wir an teilweise noch zugefrorenen Seen vorbei. Die Forstwirtschaft stellt für die umliegende Region einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Region dar, und so säumen häufig Forstmaschinen, Holzlager und Sägewerke die Straße. Der Park selbst beeindruckt mit seinen von Menschenhand unberührten Waldgebieten. Auch wenn wir selbst nicht auf Großwild treffen: Man sollte sich immer bewusst sein, dass das hier Bären- und Elchland ist. Anfang Mai sind wir hier völlig alleine und das wahrscheinlich im Umkreis von 20 Kilometern. Es ist kühl draußen. Die grandiose Besucheranlage (GPS 61°46‘1“N/14°45‘57“O) mit überdachten Sitzgelegenheiten, Grilleinrichtungen und kostenfreiem und zudem trockenem Brennholz lädt aber trotz leichtem Nieselregen dazu ein, ein Feuer zu entfachen und ein Barbecue zu improvisieren.
Unser nächstes Ziel ist Östersund, das oft als das Tor nach Lappland bezeichnet wird. Die quirlige Universitätsstadt ist nach den letzten einsamen Tagen im Wald für uns erst mal ein Schock: so viele Menschen auf einmal. Östersund liegt am Ostufer des Storsjön, dem mit etwa 465 Quadratkilometern fünftgrößten See in Schweden. Bekannt ist die Stadt als ein Zentrum des Biathlons. Jetzt im Frühsommer liegt das Schießstadion verweist, lässt aber erahnen, wie es hier während der Wettkampftage aussehen könnte.

Phänomen Hohe Küste
Man könnte nun der Straße weiter durch die Wälder der Taiga direkt gen Norden folgen. Wir aber wollen noch einen Abstecher an die Küste machen und fahren daher erst einmal weiter in Richtung Osten. Unterwegs weist eine Informationstafel auf einen trockengelegten Wasserfall hin. Um das Flößen von Holz zu erleichtern, wurde bereits 1796 ein Kanal gebaut, der den Wasserfall Döda fallet (GPS 63°3‘9“N/16°31‘16“O) umgeht. Entgegen der ursprünglichen Planung erfolgte der Durchstich des Kanals aber nicht kontrolliert, sondern wurde überraschend durch das Frühjahrshochwasser ausgelöst. Der davorliegende See entleerte sich mit einer riesigen Flutwelle in tiefer gelegene Gebiete. Wie durch ein Wunder soll dabei niemand ums Leben gekommen sein. Über Stege und Brücken führt heute ein Rundweg bis auf den Grund des ehemaligen Wasserfalls, wo sich noch erahnen lässt, dass hier einmal Wassermassen tobten.

Höga Kusten. Seit dem Jahr 2000 gehört das Gebiet zum Weltnaturerbe der UNESCO.

Höga Kusten. Seit dem Jahr 2000 gehört das Gebiet zum Weltnaturerbe der UNESCO.

Als nächstes erreichen wir die Höga Kusten – zu Deutsch Hohe Küste –, die zusammen mit ihrem finnischen Pendant auf der gegenüberliegenden Seite des Bottnischen Meerbusens Teil des Weltnaturerbes UNESCO ist. Dieser Umstand ist jedoch nicht der landschaftlichen Schönheit des Gebietes, sondern der Tatsache geschuldet, dass sich das Land nach dem Verschwinden der eiszeitlichen Gletscher jedes Jahr um circa acht Millimeter hebt. Dieses Phänomen lässt sich also durchaus innerhalb eines Menschenlebens beobachten. Der Ufersaum vergangener Jahre oder Jahrhunderte liegt heute deutlich oberhalb der Wasserlinie. Die Erkundung startet an der schwedischen Version der „Golden Gate Bridge“, einer viel fotografierten Hängebrücke. Folgt man dem Küstenverlauf weiter gen Norden, bietet bei dem Ort Jävre ein Rastplatz (GPS 65°8‘37“N/21°30‘34“O) Stellplätze mit Blick auf die Ostsee sowie Ver- und Entsorgung.

In der Nähe von Lulea lockt das nächste UNESCO-Welterbe – dieses Mal aber zum Thema Kultur. Die Kirchstadt in Gammelstad ist eine Siedlung, bestehend aus kleinen bis winzigen Häusern, die rund um eine Kirche angeordnet sind. Die Häuser dienten den aus entfernten Orten kommenden Einwohnern der Pfarrgemeinde, die trotz langer Anreisewege zum regelmäßigen Kirchgang verpflichtet waren, als Übernachtungsmöglichkeit. Diese Kirchdörfer, von denen es früher in Schweden mehrere hundert gab, stellten neben dem religiösen Zentrum auch den kulturellen Mittelpunkt der jeweiligen Region dar; hier wurden unter anderem Markt und Gericht abgehalten. Auch viele Ehen sollen hier angebahnt worden sein.

Tipp: Einsamkeit
Lappland, das ist Einsamkeit in endloser Weite. Mit Tipps für Besichtigungen können wir an dieser Stelle zwar nicht dienen. Dafür aber mit dem Rat, sich auf die unglaubliche Stille und das Gefühl grenzenloser Freiheit einzulassen. Genießen Sie im Sommer, am besten mit einem Glas Wein in der Hand, eine schlaflose Nacht mit der nicht untergehenden Sonne, und wundern Sie sich nicht, wenn Sie um drei Uhr morgens noch nicht müde sind. Lassen Sie die Natur auf sich wirken. Mit etwas Glück verliert das eine oder andere Tier die Scheu und kommt ein wenig näher an Sie heran. Fernglas und/oder Fotoapparat sollten immer bereitliegen.

Nördlich des Polarkreises
Von hier geht es wieder zurück ins Landesinnere. Kurz vor Erreichen der Stadt Jokkmokk ist es endlich soweit: Wir überschreiten den Polarkreis. Jokkmokk bildet das Zentrum der samischen Kultur in Schweden und stellt einen wichtigen Versorgungspunkt für das ansonsten verstreut lebende Volk der Samen dar. Das Fjäll- und Samenmuseum „Ájtee“ informiert über das Leben und die Kultur der skandinavischen Ureinwohner und ist einen Besuch wert (siehe Tipp 1). Von hier aus ist es nicht weit nach Laponia (UNESCO-Welterbegebiet), einer noch weitgehend echten Wildnis, in der von den Samen Rentierzucht betrieben wird.
Vor uns liegen nun 500 Kilometer durch die baumlose arktische Tundra. Wir fahren bis in die späte Nacht hinein, was uns aber trotz leichtem Schneefall nicht wirklich auffällt, denn jetzt bleibt die Nacht nördlich des Polarkreises taghell. Hier ist fast überall noch Winter, wie zu fast Dreiviertel des Jahres. Häufig kommen wir an Behausungen der Samen vorbei – mal sind es kleinere Siedlungen, mal einzelne Häuser. Fast neben jedem Haus steht ein Wohnwagen. Diese werden genutzt, wenn die Samen unterwegs sind, um ihre Rentiere in Gehegen zusammenzutreiben. Rentierhaltung ist hier immer noch ein Haupterwerbszweig, selbst wenn die meisten Samen zumindest einen Teil des Jahres sesshaft geworden sind. Den ansonsten frei laufenden Rentieren begegnet man immer wieder entlang der Straße – Vorsicht ist geboten. Auch andere Tiere wie Auerhühner und Lemminge kreuzen den Weg. Häufig sieht man auch Souvenirläden mit Tipis, in denen samisches Kunsthandwerk und Rentiergeweihe zum Kauf angeboten werden.
Haben wir bisher oft auf ausgewiesenen Stellplätzen übernachtet, so heißt es hier in der Einsamkeit häufig „frei zu stehen“. Wir hatten aber weder in Schweden noch in Norwegen jemals Schwierigkeiten mit freiem Übernachten. Das skandinavische Jedermannsrecht ist eigentlich nicht für den motorisierten Reisenden gemacht. Unumgänglich ist es daher, sich erst Recht an einige Grundregeln zu halten, nämlich niemanden zu stören und keine Spuren zu hinterlassen. Das heißt im Wesentlichen, nicht in Sichtweite von Häusern zu übernachten, auf Tisch und Stühle sowie das Herausfahren der Markise zu verzichten und seinen Müll oder andere Hinterlassenschaften wieder mitzunehmen. Mülleimer und Möglichkeiten zur Entsorgung der Toilette finden sich selbst in den einsamsten Ecken Skandinaviens immer wieder. Viele öffentliche Toiletten verfügen sogar über eine spezielle Entsorgungsmöglichkeit, die sich hinter einer Tür mit der Aufschrift „Latrin“ verbirgt.

Abstecher nach Finnland und Norwegen
Wir fahren ein Stück durch Finnland und erreichen schließlich Norwegen. Unterwegs lernen wir bei einem kurzen Stopp einen Radfahrer aus Füssen kennen. Der fast siebzigjährige Extremsportler Jörg Michelbacher ist bereits seit vier Wochen nur mit Fahrrad, Zelt, Schlafsack und ansonsten dem Allernötigsten unterwegs und will in wenigen Tagen ebenfalls das Nordkap erreichen. Er erklärt uns, wie wichtig bei einer solchen Tour nicht nur die körperliche, sondern auch die mentale Fitness sei. Gerade bei dem in diesem Jahr besonders unbeständigen und kalten Wetter muss er jeden Tag aufs Neue der Versuchung widerstehen, aufzugeben.
Entlang des Porsangerfjords geht es weiter. Bei starkem Wind, aber immer wieder durchblitzender Sonne eröffnen sich atemberaubende Aussichten. Im Wasser des Fjords sieht man große Fischzuchtanlagen, sogenannte Aquakulturen, in deren großen, runden Netzgehegen hauptsächlich Lachse aufgezogen werden. In Honningsvåg, der nördlichsten Stadt Europas, lädt der Hafen zum Rasten ein. Wir haben Glück und können einem Schiff der Hurtigrouten beim Auslaufen zusehen, bevor wir die letzten 30 Kilometer zum Nordkap in Angriff nehmen.

Das Globus-Denkmal ist zum Symbol für das Nordkap geworden.

Das Globus-Denkmal ist zum Symbol für das Nordkap geworden.

Ziel Nordkap
Es ist geschafft – das Nordkap! Es stürmt und es ist bitterkalt. Auch wenn das Nordkap ganz genau genommen nicht der nördlichste Punkt Europas ist und wir die traditionelle Flasche Champagner vergessen haben, ist unsere Ankunft ein erhebender Moment. Nur noch Wasser trennt uns vom Nordpol. Nun heißt es Warten auf die Mitternachtssonne. Wohnmobilisten sind in diesem Punkt gegenüber den Tagestouristen klar im Vorteil, denn auf dem Parkplatz vor dem Besucherzentrum (GPS 71°10‘9“N/25°46‘47“O) darf im Reisemobil übernachtet werden. Die zugegebenermaßen hohe Parkgebühr ist gleichzeitig Eintrittskarte und gilt für zwei Tage. Kurz vor Mitternacht ziehen zwar einige Wolken auf, aber die Sonne bleibt sichtbar. Es ist ein fast surreales Erlebnis, als es kurz vor Mitternacht bei Sonnenschein noch einmal leicht anfängt zu regen und sich ein dünner Regenschleier über uns hinweg aufs Meer hinaus bewegt. Am Rand des Parkplatzes zieht gemächlich eine Gruppe Rentiere entlang …
Seite 2 – Guide Skandinavien mit Infos zur Anreise, besonderen Verkehrsbestimmungen, wichtige Telefonnummern, Reisemobilstellplätzen auf der CAMP24 Skandinavien-Entdeckertour und vielem mehr …

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